Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 2 (2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatschrift der OesterreicMsch-Israelitischen Union. Nr. 2. Wien, Mitte Februar 1907. 19. Jahrgang Jüdische Reichsratskandidaturen in Wien. Eine grosse Anzahl angesehener Kaufleute und Industriellen des ersten Wahlkreises der Inneren Stadt Wien (Kaiviertel) hat ddas Reichsratsmandat dieses Wahlkreises Herrn kaiserl. Rat Wilihelm Anninger angeboten und Herr Anninger hat sich ibereit erklärt, dem an ihn ergangenen Rufe Folge zu leisten. Die „Oesterreiehiseh-Israelitische Union" begrüsst diese 'Kandidatur mit der grössten Befriedigung und das von uns berufene „Zentral-Wahlkomitee zur Wahrung jüdischer Interessen bei den Reichratswahlen" hat den einstimmigen Beschluss gefasst, die »Bewerbung Anningers um das Kaimandat mit aller Kraft zu (Unterstützen. Ehe wir daran gehen, der jüdischen Oeffentliclikeit -ein Charakterbild des Mannes zu entwerfen, der als Repräsentant feines der vornehmsten und für das wirtschaftliche Leben massgebenden Wahlbezirke des Reiches ins Parlament entsendet werden soll, wollen wir die prinzipiellen Gesichtspunkte vorausschicken, welche für die Stellungnahme der jüdischen Wähler Wiens bei den bevorstehenden Reichsratswahlen massgebend sein sollen mi müssen. Das Kurienparlament ist tot, die privilegierten Interessenvertretungen sind durch das allgemeine Wahlrecht beseitigt. Es ist klar, dass nunmehr die politischen Gegensätze, welche daarcfa den nationalen Hader und die konfessionelle Hetze vielfach verschleiert und verwischt worden sind, umso stärker hervortreten werden, als durch die Wahlkreiseinteilung eine scharfe .Abgrenzung des Besitzstandes der einzelnen Nationalitäten erfolgt ist Diese Sicherstellung macht — mit Ausnahme Galiziens — die Stimmen der Juden für die nationalen Parteien entbehrlich. Es wird nicht mehr notwendig sein da oder dort eine „Schonzeit" für die Juden zu statuieren, denn man braucht sie nicht mehr. Die Folge dieses neuen Standes der Dinge wird ein verstärkter Ansturm der Antisemiten gegen die Juden und eine vermehrte Lässigkeit der sogenannten Freisinnigen in der Währung der konfessionellen Gleichberechtigung sein. Ueberdies aber Werden die klerikal-antisemitischen Parteien wesentlich gekräftigt, die freisinnigen Parteien wesentlich geschwächt aus dem Wahlkampfe hervorgehen. Wenn bisher schon unsere wirtschaftliche Gezetz- 1