Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 11 (11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 durch das Schlagwort Auto-Emanzipation gekennzeichnet wird. Wir Juden müssten uns selbst befreien, und zwar derart, dass wir uns auf unsere nationale Eigenart besinnen und nur dadurch, dass die Gesamtheit der Juden zur Anerkennung gelangt, könnten wir Erlösung von allen Leiden finden. Indem Theodor Herzl diesen Gedanken zuende dachte, wurde er der Schöpfer des Zionismus. Hiemit war nun aber ein ganz neues Mass für die Beurteilung unserer Lagegewonnen. Ohne nationale Existenz sei unser Leben nicht lebenswert, wirkliche Wohlfahrt in materiellem und geistigem Sinne Hesse sich nur durch die Gewinnung eines festgegründeten territorialen Zentrums erreichen. Die zionistische Idee manifestierte sich zunächst in dem Bestreben nach Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte ausserhalb des Vaterlandes. Es mussten nur die erforderlichen Voraussetzungen eintreten und der jüdisch-nationale Gedanke wurde auf unser öffentliches Leben i m Vaterlande appliziert. So entstand das Postulat einer jüdisch-nationalen Inlandspolitik. Wenn nun die Frage aufgeworfen wird, welches ist die politische Lage der Juden, so finde ich es nicht für richtig, sich auf die Untersuchung zu beschränken, welche Summe von Recht wir Juden als Individuen geniessen; ich halte es für unerlässlich, auch darnach zu forschen, ob und inwieweit die Gesamtheit der Juden nach Geltung ringt, zur Geltung kommt. Ich halte es für nötig, nicht minder den Prinzipien des Zionismus und der jüdischnationalen Inlandspolitik Rechnung zu tragen, als dem sogenannten assimilatorischen Standpunkt der Emanzipation. Es sei mir nun gestattet, von diesen Gesichtspunkten aus ein Augen blicksbild unserer politischen Lage zu entwerfen. Natürlich nur in grossen Zügen und in gedrängter Kürze. Wir leben in einer Zeit epochaler Umwälzungen, in einer Periode weltbewegender Ereignisse. Von Osten her dröhnt seit Jahr und Tag die Sturmglocke der Revolution. An ihren Strängen reisst das russische Volk mit der wahnsinnigen Leidenschaft gemarterter Sklaven. Und die toten Seelen erwachen, die Elenden, die Enterbten. Alles, was gebeugt und gedemütigt ist, was sich ohnmächtig im Staube windet, rafft sich auf, rottet sich zusammen, stürmt gegen die Zwingburg des Zarismus. Der Despot gebietet seinen Schergen, Hunderte und Tausende wälzen sich in ihrem Blute, aber über ihre Leichen reckt sich die Anarchie riesengross empor und entreisst dem zitternden Autokraten das Freiheitsgelöbnis. Unter den dröhnenden Hammerschlägen der Revolution bricht seine Selbstherrlichkeit zusammen. Dies war am 17. Oktober. Aber am nächsten Tage begannen dei Greuel, die Judenmetzeleien, man mobilisiert den Pöbel, die Auswürflinge der Gosse. Sie plündern, brandschatzen, morden, sie werfen sich auf Greise, Weiber, Kinder. Ich unterlasse jede weitere