Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 8/9 (August/September 1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Aus unserem Rechtsschutz- und Abwehr-Bureau. Die Phantasien einer Hysterischen. Seit 2V4 Jahren war die 22jährige Tochter Marie des auf der Station Chotzen der Staatseisenbahn-Gesellschaft beschäftigten Taglöhners Kosina bei Frau Therese H o u d e k in Chotzen bedienstet, in deren Hause der Schnittwarenhändler Leopold G o 111 i e b als Mieter wohnt. Der Vater der Marie Kosina wird als Säufer bezeichnet, bei der jüngeren 18jährigen Schwester Anna zeigten sich schon vor drei Jahren Symptome von Verfolgungswahn. Die Marie Kosina war nach Angabe ihrer Dienstgeberin schon seit Wochen trübsinnig. Vor drei Wochen kam der Schwiegervater Gottliebs, der 67jährige Kaufmann Jakob Leder er aus Libochowitz, mit seiner Frau zu Besuche nach Chotzen und wohnte bei seinen Kindern. Zur selben Zeit kam die Anna Kosina aus Prag und schlief mit Frau H o u d e k im selben Zimmer, während die Marie Kosina ihre eigene Schlaikammer hatte. Am 16. August, um halb 6 Uhr früh, kam die Marie Kosina aus ihrer Schlafkammer herab und Leopold Gottlieb, der sich eben in der Küche wusch, hörte, wie sie zu ihrer Schwester Anna schreiend sagte, sie wolle in die Kirche, man müsse sie „versehen". Marie Kosina riss dann die Tür auf und eilte in die Kirche, von wo sie der Kirchendiener zurückschickte. Mittlerweile sandte Frau Houdek nach dem städtischen Arzt Dr. Fickeys, der das Mädchen im Beisein der Houdek genau untersuchte. Doktor Fickeys kam dann in das Geschäft Gottliebs und erzählte, er habe an den Extremitäten des Mädchens „Punkte" (tschechisch „Tecki") gefunden, die offenbar von Ungeziefer herrühren, die Kosina habe ihm jedoch gesagt, dass sie sich sehr schwach fühle, dass man ihr Blut abgezapft habej und dass sie, seit der „alte Jude" da sei, keine Ruhe habe. „Sie leidet an Verfolgungswahn", schloss Dr. Fickeys seinen Bericht. Nunmehr wurde Marie Kosina von ihrer Schwester nach Hause geführt. Einige Tage später gelangte an die Staatsanwaltschaft Chrudim ein a n o n y m e r B r i e f, in welchem die Blutabzapfungsgeschichte erzählt wurde. Die Staatsanwaltschaft trug der Gendarmerie Erhebungen auf und beauftragte Dr. Fickeys amtlich mit der ärztlichen Untersuchung des Mädchens. Dieser