Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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29 täglich ist derselbe Jammer, sind es dieselben Klagen, dasselbe Parlamentieren, eine tägliche Aufregung und Inanspruchnahme des Notstandsfondes. Hiebei sind auch noch andere grosse Schwierigkeiten zu überwinden. Am Bahnhofe werden die Auswanderer, die vielleicht warten müssen, nicht geduldet, es ist kaum möglich, für schweres Geld für die nicht immer im besten Zustande hier anlangenden Reisenden Unterkunft zu schaffen, und doch wird die Intervention der Gemeinde in Anspruch genommen, ja sogar von den Bahnbeamten als selbstverständlich vorausgesetzt. Dass eine derartige jahrelange Inanspruchnahme unsere schwachen Kräfte endlich versiegen lassen muss, liegt auf der Hand. Unsere Kultusgemeinde, eine der jüngsten in Böhmen, auf judenfremdem Boden entstanden, hat alles, was eine Gemeinde zu ihrem Bestände nötig hat, aus eigenem schaffen müssen, hat nichts von einer früheren Generation geerbt. Alles, was vorhanden, hat eine Generation geleistet. Da dieselbe nunmehr einem unabweislichen Bedürfnisse Rechnung tragen muss, statt der Benützung des seit 15 Jahren von dem Kultusvorsteher kostenlos zur Verfügung gestellten Bethauses einen Tempel zu bauen, weiters für durchreisende Arme alljährlich einen beinahe 20% des Jahresbudgets erreichenden Betrag ausser dem Notstandsfond verbraucht, reichen die Kräfte für die Unterstützung der Auswanderer nicht mehr. Wir halten diese Angelegenheit für eine allgemeine jüdische Sache und bitten alle jüdischen Gemeinden, Vereine und Korporationen, die in der Lage sind, uns einen Betrag zur Unterstützung der armen russisch-rumänischen Auswanderer zuzuweisen, einen solchen uns zuzusenden. Es ist wahrer etwi wiTp, wenn wir, wie bisher, imstande sind, den an uns gestellten Anforderungen den Aermsten gegenüber weiter nachzukommen. Wir veröffentlichen gerne die einlangenden Beträge und sind bereit, diese Beträge öffentlich zu verrechnen. Wir haben uns in dieser Sache auch an die Israelitische Allianz in Wien gewandt, die uns trotz unserer eindringlichen Bitten mit der Motivierung abwies, dass sie nur die organisierte Auswanderung unterstützen und den auf eigene Faust Auswandernden keinerlei Unterstützung angedeihen lassen könne. Wir können selbstredend weder die organisierten, noch die nichtorganisierten Auswanderer im Stich lassen und glauben sogar, dass die letzteren, die oft in die Hände gewissenloser Agenten kommen, des Rates und der Unterstützung noch mehr bedürfen. Jedenfalls hielten wir es für angezeigt, im Interesse unserer armen unglücklichen Glaubensbrüder, die die Grenze hier passieren und, oft zurückgeschickt, noch grösserem Kummer und Sorgen, Hunger und Not preisgegeben sind — damit wir weiter imstande