Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 in Russland geflossen sind. Doch nein — nicht sie allein! Verantwortlich sind auch Jene, die ihr die Mittel zu diesen Menschenjagden und Menschenschlächtereien gewährt, sie in den Stand gesetzt haben, Tausende von Hooligans zu besolden und zu bewaffnen. Allerdings — „Europas übertünchte Höflichkeit" hat keine Ursache, sich gegen die Barbaren des Ostens allzu stolz in die Brust zu werfen. Wo ist dies zivilisierte, auf sein „Jahrhundert der Humanität" pochende Europa, wo ist seine Stimme angesichts der namenlosen Greuel, die in Russland an wehrlosen, unschuldigen Menschen verübt werden? Ach ja, in Wien, in Berlin, in Frankfurt am Main und einigen anderen Städten wurden Protestversammlungen veranstaltet. Die Einberufer und Redner waren Christen von Ansehen, alte, erprobte Bannerträger des Menschheitsgedankens wie Eduard Suess und Kronawetter in Wien, Franz v. L i s z t und Pfarrer Naumann in Berlin, Q u i d d e und Pfarrer Rade in Frankfurt — aber die Masse der Empörten, der Entrüsteten bestand aus Juden. Mit erstaunlicher Kälte und Gleichmütigkeit hat die christliche Bevölkerung ganz Europas zu den Metzeleien von Bialystok geschwiegen. Man missverstehe uns nicht! Aus tiefster Seele zollen wir den wackeren Männern Dank, die frei von jedem konfessionellen Vorurteil in Journalen, Versammlungen und in den Parlamenten das öffentliche Gewissen, das christliche Mitgefühl aufzurütteln suchten. An ihrer Spitze steht niemand Geringerer als der päpstliche Nuntius in Wien! Im englischen Unterhause erhoben sich T h o r n e und K e i r H a r d i e und forderten die Unterlassung des Besuches der englischen Flotte in Kronstadt als Zeichen der Empörung des britischen Volkes über die russischen Greuel. Im österreichischen Parlamente verlangten die christlichen Abgeordneten Graf Sternberg und Breiter eine Kundgebung der österreichischen Volksvertretung und der österreichischen Regierung, und in den Delegationen richtete der Delegierte Dr. Straucher einen gleichen Appell an den Grafen Goluchowski. Aber das öffentliche Gewissen Europas liess sich nicht aufrütteln und die Regierungen blieben stumm — stumm wie vor Jahresfrist, als das Präsidium der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" nach Kiew und Odessa beim Grafen Goluchowski erschien und nur bedauerndem Achselzucken begegnete. Würde es sich um Albanesen oder Bulgaren, um Armenier oder Tataren handeln, dann vielleicht, ja gewiss, würde das europäische Konzert von Humanität überfliessen und dem Sultan den Herrn zeigen. Aber diesem Russland gegenüber, das man trotz seiner Niederlagen, trotz seiner meuternden Garderegimenter, trotz seiner finanziellen Zuckungen noch immer fürchtet, um dessen Gunst man noch immer wettkriecht, wagt man nicht aufzumucken, und schon gar nicht wegen einiger tausend Juden. Doch ja, die christliche öffentliche Meinung hat doch ge-