Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 3 (3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 geblieben. Inzwischen waren jedoch die immer noch im Hintergründe bestehenden, mehr oder minder grossen politheistischen Parteien so mächtig geworden, dass zehn Stämme abgetallen und einen rein heidnischen Staat, das Reich, welches man Israel geheissen, unter Jerobam, gegründet und auch die der Dynastie Dawid treu gebliebenen zwei Stämme, trotzdem Jerusalem mit dem Zentralheiligtume ihre Hauptstadt geblieben, es zuliessen, dass fortan, immer je nach der religiösen Gesinnung des Königs, Monotheismus oder Politheismus vorherrschend war. Untergegangen ist das Reich Juda, wie vordem Israel, als heidnischer Staat. Als das Heidentum in beiden Hebräerstaaten endgiltig abgewirtschaftet hatte und alles in heillose Verwirrung und helle Verzweiflung geraten war, sind die gottbegeisterten Wortführer der mosaischen Religion festen Mutes geblieben. Ueber die äusserst widerwärtige Lage klaren Blickes urteilend, fanden sie, dass man dort anzukämpfen habe, wo das einigende Band zuerst gerissen, dass vor allem die noch empfänglichen Reste für eine ethisch-religiöse Gemeinschaft gewonnen werden müssen. Diesem Streben kam der Umstand zugute, dass die politheistischen Elemente sich selbst aufgaben und unter den Heiden verschwanden; so kam es, dass das Ziel in verhältnismässig kurzer Zeit erreicht werden konnte. Das zerstreute Israel bildete eine konfessionelle Einheit, es wurde wieder ein Volk der Religion, und nachdem seine Angehörigen einander seelisch näher gebracht waren, war die volle Basis zur Bildung der Nation gewonnen. Es ist nur ganz natürlich, dass die Propheten, welche die mosaische Religion in ihrer ganzen metaphysischen und ethischen Tiefe erfasst haben, das Erlösungswort in ihrem Geiste angebahnt haben. Was nach ihrer Auffassung der Geist der Religion erfordert, ist kurz und deutlich mit den Worten des Propheten Micha geäussert : „Es ist Dir gesagt worden, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von Dir fordert, es ist nur: Gerechtigkeit üben, Wohlwollen lieben und in Bescheidenheit mit Deinem Gotte wandeln." (Micha K. 6. 8.*) Die Grundlage der religiösen Moral ist, sich vor allem als Mensch auflassen, das Menschliche an andere achten und mit den Menschen und für dieselben fühlen. Als vornehmste Werteinheit ist das im Ebenbilde des Höchsten geschaffene Menschenwesen zu betrachten, jedes hat seine von gar keinen Zufälligkeiten abhängigen angeborenen Rechte. Der Mensch ist ja an und für sich kein Pro- *) Man vergleiche nur Genesis 2, Vers 3 (Ende) mit K. 5, 1, wird man finden, dass sich die Worte der Bibel, speziell den Menschen betreifend, gegen Entwicklungstheorien nach Art der Darwinischen richten. Ihr gemäss sind die zurückgebliebenen Menschenarten, nur als durch Umstände degeneriert zu betrachten.