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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-02-01 · 2 (2.1906) · p. Seite 28

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
2 (2.1906)
Date
1906-02-01
Page
Seite 28 (sequence 28)
Language
German
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Sfl empfiehlt es sich sehr, alle unsere Bestebungen an den Zionsgedanken zu knüpfen; denn nichts stimmt so zur Teilnahme an dem Schicksale unserer Stammesgenossen und zur Hilfeleistung, als die lebhafte Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit und an die hohen Ideale der Zukunft. Unser Stamm wohnt bereits beiläufig so lange im Abendlande, als er ehedem im Morgenlande gelebt; an sechzig Generationen unserer Vorfahren ruhen in europäischer Erde. Obwohl wildes Mutterlandes nicht vergessen, liebt jeder sein Vaterland und betrachtet die Gegend, in der er das Licht der Welt erblickt hat und erzogen worden, als seine Heimat. Unsere Kultur ist in der Regel diejenige des Volkes, in dessen Mitte wir leben, einander sind die Israeliten vielfach kulturfremd. Unsere Mütter reden in den verschiedensten Sprachen, welche die Muttersprachen ihrer Kinder werden. Schon seit langem würde man die hebräische darunter überall vergeblich suchen. Der gutgeartete Israelit jeder religiösen Richtung ist ein guter Patriot des Staates und Landes, dessen Gesetze seinen Schutz und seine Wohlfahrt fördern, und nimmt an den Leiden und Freuden seiner andersgläubigen Mitmenschen innig teil; wir haben demnach auch einen sehr mannigfachen Patriotismus, in dem alle möglichen, oft entgegengesetzten und widerstreitenden Richtungen vertreten sind. Es fehlt uns demnach sehr viel von dem, was unerlässlich ist, um eine Nation darzustellen; die Einheitlichkeit und vorwiegende Zugehörigkeit des Vaterlandes, die einheitliche und eigentümliche Kultur, die Gleichheit der Muttersprache und das Vorwiegen gleichartiger, an ein einziges Land oder Reich geknüpfter, politischer und ökonomischer Interessen. Zu dem kommt noch, dass, seitdem Rom das jüdische Volk dem Boden seines Ahnenlandes endgiltig entrissen, alle im römischen Geiste erzogenen Mächte bemüht waren, seine Angehörigen ja nirgends bodenständig werden zu lassen; so fehlt das Element, welches überall den Grundstock der Nationen bildet, der Bauernstand fast ganz. Nationale Momente betreffend, verhält es sich mit den über die ganze Erde zerstreuten Nachkommen des einstigen Hebräervolkes noch ungleich kümmerlicher, als mit den durch die Heeresmacht Babels ausgehobenen. und in verschiedene fremde Gebiete versetzten Hebräern. Wo existiert ein Messer ohne Klinge, dem der Stiel abgeht?! Ebenso wenig besteht heutzutage eine israelitische Nation. Es genügt indess schon die Stammes- und Religionsgemeinschaft als Grundlage einer Neubildung, die sich zu einer Nation entwickeln kann. Ein von dem ethischen Geiste, dem Israel seine erste Entstehung und sein Wiederaufleben zu verdanken gehabt, getragenes, beharrliches Streben vermöchte noch immer aus Angehörigen unseres Stammes irgendwo eine solche zu schaffen.

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