Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 5 (5.1905)
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Die Sehächtfrage. Von Leopold Mandl in Röhrenbach. IV. Wenn etwas als Siegel der sich in den Lebewesen kundgebenden Weisheit des Schöpfers betrachtet zu werden verdient, ist es das ungemein künstliche, sehr komplizierte System von Schläuchen, Substanzen, Fasern, Zellen und Säften, dessen Zentrale die in der Schädelhöhle eingeschlossene Nervenmasse mit dem Rückenmark bildet. In das Geheimnis des Schöpfers dringt keines Sterblichen Geist; wie das Leben des Nervensystems an sich, bleiben auch die Ursachen seiner Wirkungen unergründlich, doch die Art und Weise, wie es wirkt und die Zentren, Leitungen und Auslösungspunkte seiner Verrichtungen vermag die geschulte Vernunft zu finden und festzustellen. | Die Schrift des Siegels ist schon zum grossen Teile entziffert und wird immer weiter und deutlicher gelesen. So weiss man jetzt über die wichtigsten Hauptteile desselben unter vielem anderen folgendes : Das Grosshirn, welches beim Menschen und bei den höheren Säugetieren etwa 7/8 der ganzen Hirnmasse ausmacht, ist ganz zweifellos das Organ aller mit Bewusstsein verbundenen Verrichtungen, während das kleine Gehirn als Koordinationszentrum dienen, das heisst die Ordnung in den willkürlichen wie unwillkürlichen Bewegungen vermitteln soll. Das verlängerte Mark ist das Zentralorgan für die Atembewegungen, ebenso wie für die Herztätigkeit und den Kontraktionszustand der Gefässmuskulatur. Auch das trifft wie beim Menschen bei den höheren Tierarten zu. Bekannt ist auch, dass von allen Organen des Menschen und der höheren Wirbeltiere keines einer so regelmässigen, bemessenen Zufuhr frischen, mit Sauerstoff gesättigten pulsierenden Blutes und einer so streng genauen Ausscheidung des bereits benützten Lebenssaftes bedarf, wie das Zentralorgan des Nervensystems. Das Gehirn, das komplizierteste, zarteste und edelste aller Organe, der Sitz der Intelligenz und aller psychischen Verrichtungen und der Ausgangspunkt aller Gefühle, Sinnesempfindungen und willkürlichen Bewegungen, bedarf des Elementes, welches das Leben und die Erregbarkeit des Nervensystems ermöglicht sowohl zu seiner Ernährung und Wärme, als auch zu seiner zweckentsprechenden innerlichen, auch äusserlich merkbaren Bewegung. Auf der reichlichen Entwicklung der Blutgefässe im Gehirn und auf dem gleichmässigen Strome des Blutes in demselben beruht der regelmässige Ablauf der für den ganzen Organismus bedeutungsvollen Funktionen. Gerade die psychischen Verrrichtungen des edelsten Organes hängen von der regelmässigen Verteilung, Zulänglichkeit und