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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-02-01 · 2 (2.1905) · p. Seite 14

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
2 (2.1905)
Date
1905-02-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 falls ans Hungern. „Die offiziellen Volkszähler der Volkszählung von 1897, die von Kindheit an gewohnt waren, in jedem Juden einen „Ausbeuter" zu sehen, waren überrascht, als sie mit eigenen Augen sahen, in welchen Verhältnissen die Mehrzahl der Juden lebt: fürchterliche Zusammendrängung, Elend, eine Menge Bettler, Leute ohne bestimmten Beruf... In einer Stube wohnen oft zehn Menschen, selten aber weniger als sechs bis acht; eine ganze Familie hat nur ein Bett, worin natürlich nur der eine Teil schläft, während die übrigen einfach auf dem Fussboden liegen. Eine Familie von vier bis fünf Personen ernährt sich oft ganze Tage hindurch von 4 Pfund Brot und einem Hering. Alles geht barfuss und in Lumpen. Die Kinder abgemagert, fahl, mit Keimen von Schwindsucht und Entkräftung. Und solcher Elenden gibt es in Wilna 20.000, das heisst, ein Viertel der ganzen jüdischen Bevölkerung" (S. 42).l) Diese anormale ökonomische und rechtliche Lage der Juden hat zur Förderung der jüdischen Arbeiterbewegung geführt, und deshalb hält es der Wilnaer Gouverneur für notwendig, mit Reformen vorzugehen. Was schlägt er denn vor? Er will das Gesetz vom 3. (15.) Mai 1882 abgeschafft wissen, aber ... das Ansiedlungsgebiet und alle anderen Beschränkungsmassregeln müssen aufrecht erhalten bleiben! Der neue „liberale" Minister des Innern dachte aber nicht einmal daran, das zu machen, was der Wilnaer Gouverneur für notwendig erklärte ... Das „Judenmanifest" vom 24. August 1904 brachte, wie wir schon gesagt haben, keine Aenderung in die Judengesetzgebung. Das Gesetz über die sogenannte „Grenzzone" konnte nie in Wirklichkeit ausgeführt werden; so wohnten dort am Anfang dieses Jahrhunderts bis 100 000 Juden. Dasselbe ist von den kleinen Fleckchen zu sagen, in denen sich anzusiedeln jetzt den Juden „erlaubt" worden. Der Wilnaer Gouverneur, gewissermassen auch mit der Zustimmung des ehemaligen Wilnaer Generalgouverneurs Swiatopolk- Mirsky, erkannte den ganzen Schaden, den die Judengesetzgebung dem Rayon zufügt, fand die Aufhebung der Gesetze von 1882 für notwendig. Und die Regierung? Sogar während der „liberalen" Aera dachte sie nicht daran, den Juden Rechte zu gewähren . . . so weit kann der „Liberalismus" einer autokratischen Regierung *) Ein ähnliches Bild des jüdischen Lebens gibt auch Brodowsky in seinem Werke: „Das jüdische Elend in Odessa". Von zirka 150.000Einwohnern leben 53 Prozent in den denkbar elendesten Verhältnissen. 8500 Familien mit 48.000 Personen nehmen jährlich die öffentliche Armenunterstützung in Anspruch. 63 Prozent aller Toten müssen unentgeltich bestattet werden und 20 Prozent zu den niedrigst festgesetzten Preisen. Viele Kinder beschäftigen sich mit Annähen von Knöpfen auf Karton und verdienen damit — sage und schreibe — 9 bis 15 Pfennig täglich (zitiert bei A. Ruppin : „Die Juden der Gegenwart", S. 183). N. N.

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