Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 7 (7.1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3 missbraucht werden. Die letzten Reste freisinnigen Deutschtums, die sich noch etwa hätten regen können, werden durch die Teilhaberschaft der Christlich-Sozialen mundtodt gemacht und lahmgelegt sein. Ein deutsches Bürgertum, das sich mit dem Jesuitismus an einen Tisch setzt, hat national und politisch seine ganze Habe verloren und die Achtung aller anständigen Menschen verwirkt. Nationale Probleme sind vor Allem Kulturprobleme. Und „deutsch-national" dürfte sich mit Fug nur nennen, wer das deutsche Volk im Geiste seiner führenden Dichter und Denker auf der Bahn einer freien Kulturentwicklung fortschreiten sehen will. Freiheit des öffentlichen Lebens, des Glaubens und der Wissenschaft, Vornehmheit des Denkens, Humanität, Rechtsgefühl, Toleranz, Wahrheitsmut — das ist nationales Wesen im Sinne der guten deutschen Kulturtradition. Dass die wahren „nationalen Interessen" von Fortschrittlichen und Antisemiten, von Liberalen und Ultramontanen vereint gewahrt werden können, das ist eine nichtswürdige Phrase, die immer nur erfunden wird, wenn es gilt, Kulturgüter von bleibendem Wert preiszugeben, um dafür Parteiprofitchen einzuheimsen. Solche Parteiverbindungen verfälschen regelmässig den nationalen Gedanken, zu dessen Reinhaltung sie angeblich geschaffen wurden. Und deshalb gehen aus solchen sinn- und sittenwidrigen Verbindungen die schmutzigsten Politiker immer gestärkt, die anständigen Politiker immer beschmutzt hervor. "Niemals kann ein nationales Interesse es fordern oder dadurch gefördert werden, dass Männer und Parteien, die über die Grundfragen des bürgerlichen und allgemein menschlichen Lebens direct entgegengesetzten Anschauungen huldigen, sich zu einer heuchlerischen Parteienharmonie verschmelzen lassen. Man hat nie gehört, dass die Tugend ansteckend wirkt, wohl aber das Laster. Parteien, die auf Reinheit halten, sollen sich nicht in Ansteckungsgefahr begeben; thun sie es dennoch, so dürfen sie weder Mitleid noch Achtung beanspruchen. Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du bist; dies gilt in der Politik genau so, wie im privaten Leben, mögen auch gewisse „Politiker" ihre guten Gründe haben, eine „Specialmoral für's öffentliche Leben" zu construieren. Innerhalb der nationalen Organisation der Deutschen Oesterreichs stehen Männer von bekannter Rechtschaffenheit, von feiner Bildung, Humanität und Philanthropie. Warum vermeiden sie es nicht, sich in Gesellschaft scrupelloser Demagogen, Culturhasser und niedrigster Hetzer sehen zu lassen? Männer, die es gewiss weit von sich weisen würden, ihre Namen etwa mit den Uebeltätern von Kischenew in irgendwelche Verbindung gebracht zu sehen, lassen sich zu einer engen politischen Gemeinschaft mit Leuten herbei, die nun seit einem Jahrzehnt in Oesterreich durch Aufreizung zu Hass und Verachtung, durch Boycott gegen Andersgläubige ein moralisches Kischenew etablirt haben und