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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-06-01 · 6 (6.1903) · p. Seite 10

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
6 (6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 10 (sequence 14)
Language
German
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10 Die „Frankfurter Zeitung-' erhält das Facsimile eines Plakates, dessen Original am Freitag und Sonnabend vor den russischen Osterfeiertagen durch die Polizei in Kischenew in Tausenden von Exemplaren verteilt worden war. Das Plakat zeigt einen Chrisluskopf mit der Dornenkrone und trägt die Aufschrift: „Gottes Strafe gegen die Bilderfrevler!-i Unter dem Christuskopfe ist eine in biblischem Style geschriebene kleine Erzählung zu lesen, die etwa so lautet: „Nächst dem Judenviertel wohnte einst in einem Häuschen ein Christ, der, als er auszog, än der Wand seines Zimmers ein geschnitztes Bild des Erlösers aus Yergesslichkeit hängen liess. Nach dem Christen zog ein Jude in das Haus, und als dieser von Glaubensgenossen Besuch erhielt, wurde das Bild bemerkt. Die Juden erinnerten sich, dass ihre Vorfahren einst den Heiland ans Kreuz gebracht hatten, und sie glaubten, mit dem Bildnisse ebenso verfahren zu müssen, wie mit dem Sohne des Menschen vor zwei Jahrtausenden auf Golgatha. Sie haben bespieen also das Bild, stachen es mit Nägeln und Dornen und hielten ihm ein in Essig getauchtes Tuch an die Lippen. Und siehe da, mit einemmale begann das Bild, ganz wie einst der Leib Jesu, zu bluten und das Blut floss stundenlang, so dass tropfenweise ein ganzes grosses Gefäss damit voll wurde. Nun erschracken die Peiniger, und um Gott zu versöhnen, gingen sie hin und bestrichen mit dem Blut die Wunden ihrer Kinder und die Schwüren ihrer Kranken. Und alle wurden geheilt. Darauf gingen viele Juden zum Bischof, der sie taufte." * * * Die letzten Publikationen des „Bunt" (Aufstand), der Organisation des jüdischen Proletariats in Russland, dessen Leitung in Genf eine Druckerei besitzt, befassen sich mit den Metzeleien in Kischenew und bringen unter Anderem nachstehende Mitteilung: Die Unruhen waren planmässig von einem Komitee vorbereitet, das aus folgenden Personen bestand: Untersuchungsrichter Dawidowitsch, Notar Pissarjewsky, Dr. Tschindine, Grundbesitzer Tscherbana und Balinsky und Student Popow. Dieses Komitee hielt regelmässige Sitzungen im Hotel de Russie ab. Der Polizeikommissär Dabroselsky kam am Vortage der Unruhen in ein jüdisches Geschäft, liess sich verschiedene Waren geben und entfernte sich, ohne zu bezahlen. Darauf aufmerksam gemacht, erwiderte er: „Morgen werden wir euch alles nehmen." Charakteristischerweise hat der oben erwähnte Untersuchungsrichter, der selbst an der Spitze einer plündernden und mordenden Bande die Stadt durchzog, nun die Untersuchung zu leiten! * * * Von einem jungen Berliner Arzt, der auf einer Studienreise durch Südrussland in Odessa die Kunde von den Massakres in Kischenew erhielt, sofort dorthin abreiste und sich der Hospital-

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