Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 15 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Monatschrift der Oesterreicbiscb - Israelitischen Union. Nr. 6. Wien, Mitte Juni 1903 15. Jahrgang. Antisemitische Agitationen in Galizien. Mit dem Grafen Leo P i n i n s k i, der am 10. Juni von dem Posten eines Statthalters in Galizien enthoben wurde, scheidet einer der schlimmsten Bedränger unserer Glaubensgenossen aus dem Amte. Das Elend der galizischen Juden hat während seines fünfjährigen Kegimes unermessliche Dimensionen angenommen. Die Verwaltung des Grafen Pininski hat alle bisherigen Quellen des Erwerbes verschüttet, ohne sich auch nur einen Augenblick ernsthaft mit der Frage zu beschäftigen, welche Rückwirkungen die Proletarisierung von 800.000 Menschen auf die soziale und wirtschaftliche Struktur des Landes üben müsse. Die Judenexzesse von Alt-Sandec und Jaslo, mit Ausnahmszustand und Standrecht, bezeichnen den Anfang, die Judenexzesse von Uhnow, die mit Militärgewalt unterdrückt werden mussten, bezeichnen das Ende der Pininski'schen Statthalterschaft. Wenn sein Nachfolger Graf Andreas P o t o c k i sein Amt nicht unter denselben traurigen Umständen antreten will, unter denen sein Vorgänger es übernommen hat, so wird er den bedrohlichen Anzeichen neuerlicher judenfeindlicher Agitationen in Galizien die ernsteste Beachtung schenken müssen. Die furchtbaren Ereignisse in Kischenew haben das Interesse für die am 23. April in Uhnow stattgefundenen Judenplünderungen und -Misshandlungen in den Hintergrund gedrängt. Allein die Lage ist dort eine derartige, dass stündlich Gewaltakte nach Kischenewer Muster sich ereignen können. Unser Delegierter, den wir nach Uhnow entsendeten, schildert uns die Situation folgendermassen: „Der unmittelbare Anlass zu den Exzessen am 23. April war ein Brand, der in der Scheune eines christlichen Kürschnermeisters ausbrach und vierzig andere christliche Gebäude einäscherte. Da dieser Kürschnermeister den sechzehnjährigen Sohn eines Uhnower Juden zum Glaubenswechsel bewogen hatte, fand die böswillige Ausstreuung, dass die Juden aus Rache die Scheune angezündet hätten, bereitwillig Glauben. Die eigentliche Ursache der Exzesse ist aber in tieferen politischen Verhältnissen zu suchen. Die christliche Bevölkerung Uhnows besteht aus radikalen Ruthenen; die Juden aber stimmen, wie überall in Galizien, für die Kandidaten