Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1903-04-01 · 4 (4.1903) · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
15 (1903)
Issue
4 (4.1903)
Date
1903-04-01
Page
Seite 46 (sequence 49)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9602757-9602795--0676-9602843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

46 treiben. Am 24. Juli 1771 reichte der im 82. Lebensjahre stehende ursprüngliche Projektant D. H. Lehmann um Auszahlung der ihm als Remuneration zukommenden 1000 Dukaten ein. Nach seinem vorliegenden Gesuche stand er vor dem Zwange, „den Bettelstab anzutretten". Sein erfinderischer Kopf hat also für ihn selbst keine Erfolge gebracht! All diese Peinigungen nahmen durch das eine Morgenröte der Freiheit verkündende Toleranzpatent ihr Ende. Aber schon lange vor dessen offizieller Erlassung sehen wir Kaiser Joseph II. damit beschäftigt, das Los der Judenschaft zu verbessern und sie zu gleichberechtigten Untertanen zu machen. Schon durch das Hofkanzleidekret vom 16. Mai 1781 wurde bestimmt, dass die Kinder der Juden die öffentlichen Schulen frequentieren dürfen und dass alle Zwangsgesetze, „die den Juden einen Lmterschied der Kleidung und der Tracht, oder besondre äusserliche Zeichen auflegen, zu beseitigen seien". Bezeichnenderweise protestierten auch diesmal wieder die Städte gegen die geplante Judenemanzipation! Die Stadt Brünn gibt in ihrem Gutachten vom 1. Juni 1782 alle möglichen Momente zu erwägen, die gegen die Juden sprächen: hoffentlich werde ein altes Kecht der Stadt, dass keiner von diesem „unreinen Geschlechte" dort übernachten dürfe, auch weiterhin aufrecht bleiben! Der Verkehr der christlichen und jüdischen Schulkinder werde Veranlassung zur Verführung und zur Ausübung des jüdischen LTebermuths" geben usw. usw. Das „jüdische, in Bosheit tief eingesunkene Gemüth" wird in den schwärzesten Farben geschildert! Als Vorläufer des Toleranzpatentes trafen dann am 31. Oktober 1781 das Hofdekret wegen Aufhebung der Leibeigenschaft und das Hofdekret vom 3. Dezember 1782 ein, welches den Juden den vollen freien Schulbesuch, das Wohnen bei Christen, die Zulassung zu professionellen Gewerben zugestand. Ein weiteres Dekret vom 12. Januar 1782 sicherte ihnen die Erlangung der Doktorate zu. Am 13. Februar 1782 erschien dann das Toleranzpatent selbst, das in sechszehn Punkten den Juden die volle Emanzipation gewährt und von einem wunderbar menschlichen und edlen Geiste erfüllt ist, der sich gleich in den Einleitungsworten offenbart. Dort sagte Kaiser Joseph IL, dass es seit dem Antritt seiner Eegierung ihm vor allem daran gelegen sei, dass alle Untertanen ohne Unterschied der Kation und Religion an dem öffentlichenWohlstande gemeinschaftlichen Anteil nehmen, „eine gesetzmässige Freiheit gemessen und auf jedem ehrbaren Wege zu Erwerbung ihres Unterhaltes" kein Hindernis finden sollten Der Geist des unvergesslichen Toleranzpatentes nahm von den Bestrebungen der Zeit allmählich Besitz und liess das Gefühl für Menschenwürde und Gleichberechtigung verheissungsvoll auch in den Städten erstarken, in denen vorher engherzige Unduldsamkeit geherrscht hatte!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.