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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-11-01 · 11 (11.1902) · p. Seite 5

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
11 (11.1902)
Date
1902-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Es zeigte sich, dass auch in dieser dunklen Kriminalaffäre die Blutbeschuldigung gegen die Juden aus einem von Dummheit, Bosheit und Klatschsucht gedüngten Boden herausgewachsen war und auch nicht der Schatten eines Beweises für die Behauptung erbracht werden konnte, dass Juden den Mord an Ernst Winter verübt hätten. Es zeigte sich aber noch mehr. Die Verhandlung ergab mit unwiderleglicher Klarheit, dass es die antisemitische Agitation war, welche die Ermittlung des Täters verhinderte, die vorhandenen Spuren verwischte und die Wahrheit verdunkelte. Und nach dieser Richtung besteht e i n merkwürdiger Parallelismus zwischen den Vorgängen von Könitz und den Vorgängen von Po Ina. In seinem Schlussplaidoyer sagte der Staatsanwalt Kanzow: In diesem Prozesse spielt die Phantasie eine grosse Rolle; was wäre der Mensch ohne Phantasie? Aber?o wertvoll sie ist, so bedarf sie des Zügels und Zaumes, und wenn hier eine zügellose Phantasie dahinstürmt und von einer gewissenlosen Presse noch geschürt w i r d, kritiklos weiterer Kreise sich bemächtigt, so entsteht dadurch eine grosse Gefahr. In diesem Prozesse hat die wüste Phantasie unheimlich wüste Orgien gefeiert und man muss sich tatsächlich manchmal an den Kopf fassen und könnte sich beinahe in die Zeit der Hexenprozesse versetzt w ahnen. Der eine sieht die Hexe, der andere sieht sie schon auf dem Besen reiten, der dritte weiss ganz genau, dass sie einen Zaubertrank gebraut hat. Wir haben ja gehört, dass in ganz Westpreussen zu jener Zeit eigentlich kein Jude unverdächtigt blieb, wenn er sein Alibi am IL März nicht klipp und klar nachweisen konnte. Ein wahres Judenverfolgungsfieber hatte platzgegriffen, ein jeder wollte Judenspuren entdecken. Ein klassisches Beispiel hiefür war der inzwischen zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilte Schreiber 0 r d a aus Königshütte, der kühn und keck behauptete, gesehen zu haben, wie der Ernst Winter hingeschlachtet worden sei und tatsächlich an dem Tage der Tötung des Winter gar nicht in Könitz gewesen ist. In den Köpfen vieler Zeugen hat sich ein Phantasiegebilde festgesetzt, so dass es dem Einzelnen nich mehr möglich ist, das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden. Wenn man so etwas sieht, bekommt man einenSchreck, worauf die Gerechtigkeit fundamentiert ist." Diese verderblichen Wirkungen einer durch gewissenlose Hetzblätter bewirkten Massensuggestion haben wir auch in der Polnaer Affäre beobachtet. Kaum war die erste Nachricht von der Ermordung der Agnes Hruza in die Oeffentlichkeit gedrungen, als auch schon die »Geske Zajmy« und die »Radikalm listy« in Prag, sowie das »Deutsche Volksblatt« in Wien die Tat sofort den Juden in die Schuhe schoben. Es ist noch in allgemeiner Erinnerung, wie die öffentliche Meinung durch eine Flut von Broschüren, Flugblättern, Ansichtskarten und Hilsner- Liedern im Sinne eines Ritualmordes bearbeitet wurde. Wir konnten der damaligen* Regierung ein dickes Konvolut dieser Hetzliteratur überreichen, allein unsere Bitte um Abhilfe gegen solche öffentliche Brunnenvergiftung blieb unberücksichtigt. Der Staatsanwalt Kanzow sagte ferner: „Das Ueber-

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