Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union. Nr. 6 Wien, Juni 1902 14. Jahrgang fW^**^+*W^*+***SAi^LSn***^ Die „vertagte" Judenfrage. Im antisemitischen Lager herrscht nicht mehr der heilige Ernst, mit dem man bisher der christlichen Bevölkerung begreiflich zu machen suchte, dass sie die Juden fressen müsse, wenn anders sie nicht von ihnen gefressen sein wolle. Es ist in jüngster Zeit manches vorgegangen, was nicht nur dem Geschäfte der Judenhetze sehr abträglich ist. sondern die Hetzer selbst in arge Gefahr bringt, dem Fluche der Lächerlichkeit zu verfallen. Diechristlichsocialen Antisemiten sind durch das wiederholte Misslingen frisch inscenierter Pdtualmorde arg compromittiert. Seit Flöhe und Wanzen zu Blutabzapfern und Ritualmördern avanciert sind, wie in der Wiener Pramergasse und in Kuttenberg, seitdem sogar ein antisemitischer Dienstgeber von seiner christlichen Köchin einer rituellen Blutentziehung beschuldigt wurde, ist aus der einst so zugkräftigen Blutlüge nicht einmal mehr journalistisch, geschweige denn politisch noch irgendwelches Capital zu schlagen. Es ist überaus bezeichnend, dass das „Deutsche Volksblatt" anlässlich des Processes über den Pekloer Mord die Möglichkeit einräumt, dass arische Mörder selbst die Details des Polnaer Mordes copierten, um auf solche Weise den Verdacht von sich ab- und auf die Juden zu lenken. Wenn dies denkbar ist, warum sollte nicht schon bei der Ermordung der armen Hruza nach demselben Recepte verfahren worden sein? Unter dieser Voraussetzung gewänne das auffällige, fast theatralische Herumstreuen einzelner Kleiderfetzen rings um den angeblichen Thatort genau dieselbe Bedeutung, wie das Ausstreuen einzelner Leichentheile im Pekloer Walde. Man erinnert sich, dass Mas aryk und Bulova auf diesen Umstand sehr nachdrücklich aufmerksam gemacht haben. Verliert so die Ritualmordhetze mehr und mehr ihre agitatorische Wirkung, so ist dies nicht minder mit der Rassentheorie der deutschnationalen Antisemiten der Fall. Im Bunde der Deutschen Nordmährens wurde unlängst darüber verhandelt, ob die Juden aus dem Bunde ausgeschlossen werden sollen oder nicht. Die Bundesvertretung beschloss nun mit grosser Mehrheit, die Juden frage im Nordmährer-Bunde auf fünfJahre zu vertagen. Motiviert wurde dieser lustige Beschluss mit folgenden Sätzen: