Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 5 (5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Die „Pisecky listy" bestätigen, dass der Schuhmachergehilfe Josef Wessely, der auch schon bei der Kuttenberger und Piseker Verhandlung einvernommen worden war, dieser Tage zum Kreisgerichte Pisek vorgeladen und daselbst verhört wurde. Ebenso soll der gegenwärtig in der Strafanstalt Mürau inhaftierte Zelinger daselbst einvernommen worden sein. Z e 1 i n g e r ist ein übelbeleumdeteslndividuum, welches wiederholt wegen Majestätsbeleidigungen zu mehrjährigen Kerkerstrafen verurtheilt wurde. Am Tage nach der Ermordung der Agnes Hruza kam Zelinger vor Sonnenaufgang ohne Hemd nachhause und verlangte von seiner Quartiergeberin warmes Wasser zum Waschen. Andererseits erklären „Narodni listy" aus bestinformierter Quelle die Nachrichten über neue angebliche Aussagen Hilsners für unwahr. Die Einvernahme des Zeugen Wessely hat mit einer Wiederaufnahme des Polnaer Processes nichts zu thun. Correspondenzen. Schlochau in Westpreussen, 13. April. Eine angebliche Ritualmordgeschichte, welche übrigens über den Grad der antisemitischen Verhetzung in unserer Gegend ein classisches Zeugnis liefert hatte in den letzten Tagen unsere Stadt wieder einmal in nicht geringe Aufregung versetzt. Ein Dienstmädchen des jüdischen Pferdehändlers Z. hatte vor mehr als einer Woche bei Nacht und Nebel seinen Dienst verlassen, und niemand vermochte in der That über den Verbleib des Mädchens irgendwelche Auskunft zu geben. Da die Nachforschungen der Eltern bei den nächsten Verwandten resültatlos verliefen, wurde die Polizei und die Gendarmerie mit der Suche beauftragt. Doch ebenfalls ohne Erfolg. Die anfänglich vereinzelt ausgesprochene Vermuthung, das Mädchen sei das Opfer eines Ritualmordes geworden, wurde jetzt zur unumstösslichen Thatsache, und die geschäftige Frau Fama wusste alsbald einige Details der grausigen That zu berichten. Schon begann man, die bekannten Demonstrationen gegen unsere jüdischen Mitbürger in Scene zu setzen, auch mit dem beliebten Schaufenstereinwerfen wurde bereits gestern Abend der Anfang gemacht, und wir hätten noch die schönsten Krawalle erleben können, wenn es nicht gelungen wäre, die Verschwundene rechtzeitig in Gamin (Westpr.) ausfindig zu machen. Die Polizeiverwaltung brachte heute — Sonntag — nach dem Gottesdienste das „freudige Ereignis" durch öffentlichen Ausruf zur Kenntnis der bekümmerten Bürgerschaft, und — Schlochau hat Ruh"!