Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 2 (2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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24 Die Lage der Mützenarbeiter ist nicht besser als die der Schneider. Diese Branche zählt ungefähr 200G Arbeiter, meistens Frauen. Hierzu bemerkt Soloweitschik, dass besonders die jungen Mädchen, die nach London kommen und sich diesem Berufe zuwenden, fortwährend die Löhne herabdrücken. Die sanitären Verhältnisse sind entsetzlich. Da der Lohn nach dem Stück bezahlt wird, sucht jeder so viel Arbeit, wie möglich, zu verrichten. Aber mehr wie 15—18 Sh. wöchentlich verdient keiner. Dabei wird nur sechs Monate gearbeitet und sechs Monate gefeiert. Von den Pelzwerkhändlern werden 2000 Arbeiterinnen einen Theil des Jahres hindurch beschäftigt.8) Gewöhnlieh arbeiten sie von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, aber in der „Saison" kommen noch zahlreiche Ueberstunden hinzu. Die Löhne sind in den letzten zehn Jahren sehr heruntergegangen. Meistens wird nach dem Stück bezahlt, und für eine Arbeit, die früher mit 10 Sh. bezahlt wurde, werden jetzt höchstens 4 Sh. gegeben. (Fünfter Bericht.) Das Maximum beträgt 25 Sh. wöchentlich: aber im Durchschnittt werden nur 12—15 Sh. verdient. Die Kinder verdienen 4—5 Sh. wöchentlich. Ausserdem gibt es noch jüdische Arbeiter bei der Möbeltischlerei, in der Metallwarenindustrie, bei der Holzschnitzerei (hierbei sind meistens Kinder beschäftigt) usw. Allein im Ostend von London gibt es ungefähr 38—40 000 jüdische Arbeiter. Zu dieser Zahl müsste man noch die Juden in Soho und Westend, die man garnioht mitzählt, hinzurechnen. Ausser in London gibt es noch sehr bedürftige jüdische Arbeiter in Leeds, Manchester, Liverpool, Glasgow, Birmingham und Bristol. Das ist zuviel Ehre für die jüdischen Mädchen; aber der wahre Grund ist ein ganz anderer, und man muss sich wundern, dass Soloweitschik ihn nicht erkannt hat: Diese jüdischen Frauen haben die Arbeit um jeden beliebigen Lohn angenommen. Sie sind froh, dem schlimmsten Elend entgangen zu sein, und mit einem Hungerlohn zufrieden. Charles Booth schätzt die Zahl der jüdischen Arbeiter, die in Leeds beim Schneiderhandwerk beschäftigt sind, auf 8000, diejenigen, die sich der Schuhwarenbranche zugewendet haben, auf 1500 usw. In Manchester ist ihre Lage sehr traurig. In das ungesundeste Stadtviertel eingepfercht, müssen sie oft 20—21 Stunden tägich arbeiten. (Fünfter Bericht.) Quinn, der Obermeister der Schneiderinnung, bestätigt, dass das sweating System sich in Manchester in erschreckender Weise verbreitet hat und dass die jüdischen Arbeiter von den Meistern vorgezogen werden, weil sie mit einem sehr geringen Lohne zufrieden sind. Der Werkstätten-Inspector fügt hinzu, dass man diese Arbeiter immer in Thätigkeit findet, zu welcher Zeit und in welchen Ort man auch kommen mag. Trotzdem muss oft lange Zeit gefeiert werden. Die „Sociale Praxis" von 1896 kündigte die Eröffnung eines „Arbeits-Nachweises", um den Feiernden Arbeit zu verschaffen, an. Soloweitschik stellt die Zahl der Juden in London, Manchester und Leeds auf ungefähr 54 000 fest. Seiner Meinung nach gibt es aber in Grossbritannien mindestens 60 000 jüdische Arbeiter. (Fortsetzung folgt.) 7) Hierbei müssen wir bemerken, dass das religiöse Gefühl bei den Juden des Ostens allmählich verschwindet. Die meisten arbeiten am Sonnabend und vergessen den Sabbath innezuhalten. Hier sind die Verhältnisse mächtiger als Erziehung und Gefühle. 8) Soloweitschik schreibt: „Ich besuchte eine Werkstatt der Kürschner (man erlaubte dies nur unter der Bedingung, dass ich keine Fragen an die Arbeiter stellte), die sich direct unter dem Dache befand. Hier arbeiteten 40 Frauen, von denen 23 junge Mädchen waren. Von diesen 40 Frauen waren 37 Jüdinnen und drei Christinnen. Auf meine Frage: „Warum verwenden Sie so viele jüdische Mädchen?" erwiderte mir der Kürschner, dass sein Beruf viel Geschicklichkeit verlange und diese mehr bei den jüdischen als bei den christlichen Arbefterinnen zu finden sei."