Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 2 (2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Das judische Weltproletariat. (Fortsetzung.) Wenden wir uns nun der Schuhwarenbranche zu. Hier herrschen dieselben traurigen Verhältnisse: die Zahl der jüdischen Arbeiter, die diesem Berufe sich zugewendet haben, schätzt man auf 10 000. Ihre Lage ist. sagt Charles Booth, äussert beklagenswert. Auf einer Inspectionsreise sah er in der Duke-Strasse einen Schuhmachermeister, der mit seinem Gesellen in der Küche arbeitete, während seine Frau mit ihren vier Kindern im selben Räume schlief. In einem anderen Zimmer arbeitete ein Meister mit seinen Leuten., während Frau und Kinder unbekleidet neben ihnen schliefen. (The Jewish Chronicle, 16. August 1895.) Für die Arbeitszeit ist keine Grenze festgesetzt. Achtzehn Stunden sind die durchschnittliche Tagesarbeit. Gewöhnlich wird von fünf Uhr morgens bis ein Uhr nachts gearbeitet, oder von sechs Uhr morgens bis Mitternacht. Ein Augenzeuge erzählt, wie er von Odessa als Bäcker nach England reiste und hier Schuhmacher werden wollte. Er hatte nur 3 Sh. in der Tasche. Im ersten Monat arbeitete er von sechs Uhr morgens bis Mitternacht, ohne irgend welchen Lohn dafür zu bekommen. Ein anderer arbeitete die erste Woche ohne Entgelt und erhielt nur Brot und Kaifee. Er musste 2 Sh. für Wohnung zahlen und dabei noch mit fünf anderen Personen, darunter mehrere Frauen, auf dem Fussboden liegen. (Fünfter Bericht.) Man muss noch hinzufügen, dass die Löhne jedes Jahr niedriger werden. Früher erhielten die Arbeil er. die die Schuhe glätteten und vollständig zum Verkaufe fertig stellten, 5 Sh. für ein Dutzend. Jetzt erhalten sie nur 2,60 Sh. Nach Charles Booth kann in einem guten Geschäftsjahre ein fleissiger Arbeiter, der Tag und Nacht arbeitet, 18—25 Sh. wöchentlich verdienen; ein weniger geschickter Arbeiter 15—1(5 Sh., Lehrjungen und neu Angekommene aber 8 Sh., 7 Sh. und noch weniger. Mit der Herstellung von Cigarren und Cigaretten sind ungefähr 9000 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Wir lassen nun einige Notizen, die aus Soloweitschiks: „Ein verkanntes Proletariat" entnommen sind, folgen: „In den letzten Jahren ist die Herstellung der Cigaretten durch Handarbeit wegen der Vervollkommnung der Maschinen sehr zurückgegangen. Man verwendet dabei hauptsächlich Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren, die natürlich sehr schlecht bezahlt werden. Ein Arbeiter erzählte mir, dass er mit acht Mädchen in einem Zimmer dreizehn bis vierzehn Stunden täglich arbeitete. In den grossen Werkstätten wird gewöhnlich von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends gearbeitet. Viele Fabrikräume werden auch im Winter nicht geheizt, damit der Tabak nicht vertrocknet. Als ich eines Tages ein junges Mädchen fragte, ob sie nicht friere, erwiderte sie, dass 38 junge Mädchen mit ihr zusammen arbeiteten, und dass, da die Fenster nie geöffnet wurden, „infolge der allgemeinen Transspiration genügend Wärme herrschte". In den grösseren Geschäften werden für 100 Stück fertige Cigarren 1,50—3,50 Sh. bezahlt. Ein Arbeiter kann 150—200 Cigarren täglich anfertigen. Er verdient wöchentlich 13 bis 14 Sh. Viele erhalten auch nur 8, 10, 12 Sh. wöchentlich. Sie sind aber meistens „das ganze Jahr hindurch beschäftigt".7)