Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 9 (9.1901)
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 nicht weiter als hundert Jahre zurückliegt, sollen nicht sagen dürfen: Weil sie, die Berliner Juden, die Armut nicht länger in ihrem prunkenden Hause sehen wollen, möchten sie sie in eine Kaserne einsperren. Wir Berliner werden von den Wanderbettlern am wenigsten behelligt, aber wir möchten unsern deutschen Glaubensgenossen vorangehen bei diesem neuen wichtigen socialen Hilfswerk. Wir müssen ein Unternehmen fördern, ohne das alle von den deutschen Juden geübte Wohlthätigkeit ein Stückwerk bleibt. Wir müssen das Unternehmen ausüben in dem Geiste unserer alten Religion, nach dem Grundsatze: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", nach dem Gebot: „Im Schweisse deines Angesichtes sollst du dein Brot essen", gemäss dem ermunternden Ausrufe des Spruchdichters: „Der du lebst vom Werke deiner Hände. Heil dir und wohl dir." Die Bewohner der ersten jüdischen Arbeitercolonie mögen sich des Spruches unserer Weisen getrösten: „Mache dich an das noch so ungewohnte Werk, sprich nicht, bin ich nicht ein Priester, ein grosser Mann?" Wir aber, wenn uns dieses sociale Hilfswerk gelingen sollte, werden uns sagen dürfen: „Uns ist ein schweres Werk gelungen, würdig unseres Glaubens, würdig der deutschen Glaubensgenossen." Und auch dieses Werk der Menschenliebe fügt sich den übrigen wohlgefällig ein, denn auch dieses zieht seine Kraft aus der Urquelle aller jüdischen Werke, aus der Menschenliebe, sie ist es, dem auch dieses Werk als seinem Schwerpunkte zustrebt, und auch an dieser Stelle zeigen die Spitzen der Magnetnadel nach den beiden Polen, die da heissen: „Fürsorge und Selbsthilfe!"