Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 4 (4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Zur Organisationsfrage. Am 3. März hat in Berlin eine Berathung des Verbandes der Israeliten Deutschlands über die Schaffung einer Gesammtvertretung durch Zusammenschluss aller bedeutsamen jüdischen Organisationen stattgefunden. Die Mehrzahl der Anwesenden sprach sich dahin aus, dass eine bessere GesammtVertretung kaum geschaffen werden könne, als indem der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der heute schon eine Vereinigung von 100.000 Glaubensgenossen repräsentiere, sich durch Heranziehung aller Gultusgemeinden weiter ausbaue. Der Berliner Centraiverein verfolgt im Deutschen Reiche dieselben Ziele wie die „Oesterreichisch-israelitische Union" in Oesterreich: er übt Rechtschutz und Abwehr. Die Nothwendigkeit einer einheitlichen jüdischen Defensiv-Oaganisation besteht in Oesterreich noch in weit höherem Masse, als in Deutschland, da der Antisemitismus bei uns viel grösseres Unheil anrichtet und der sprunghafte Wechsel der Regierungen und Systeme die Richtlinie für die Beurtheilung dessen, w^as Recht und Gesetz ist, in Verwaltung und Justizpflege vielfach verschoben hat. Trotzdem bieten die österreichischen Juden noch immer ein beschämendes Bild der Zersplitterung und Zerfahrenheit. Während im Deutschen Reiche alle jüdischen Organisationen: der „Centraiverein", der „Gemeindebund", die Verbände der Synagogen-Gemeinden, die ..Vereinigung badischer Israeliten" und die Repräsentanzen der hervorragendsten Einzelgemeinden über die Frage eines festen Zusammenschlusses längst einig sind und nur noch über die Form der zu schaffenden Gesammtvertretung discutieren, ist man in Oesterreich infolge kleinlicher Rivalitäten, nichtiger Eitelkeitsfragen und hochmüthiger Indolenz noch nicht einmal zu einer gemeinsamen Berathung über die Frage gelangt, wie die vielfach auseinander und gegeneinander wirkenden Kräfte der einzelnen Organisationen zu einer starken, einheitlichen Macht zusammengefasst werden könnten. Unter diesen beklagenswerten Umständen war die „Oesterreichisch-israelitische Union" gezwungen, allein vorzugehen. Sie hat aus eigener Initiative die Aufgabe übernommen, welche die Vertreter der reichsdeutschen Judenschaft als das Ergebnis gemeinsamer und einträchtiger Berathung dem Berliner Centraivereine zuweisen. Seit einem halben Jahre ist die „Oesterreichisch-israelitische Union" an der Arbeit, durch Wandervorträge im ganzen Reiche die Glaubensgenossen Mann f ü r M ann zum Anschlüsse zu bewegen und so auf die einfachste Weise, ohne jede Collision mit dem Vereinsgesetze, eine grosse Gesammt-Organisation zum Schutze der Ehre und der Rechte der österreichischen Juden zu schaffen. In dieser verhältnismässig kurzen Zeit hat sie ihren Mitgliederstand mehr als verdreifacht und ist aus einem specifisch Wiener Vereine ein Reichsverein geworden.