Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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9) männischen Namens fürchterlich, umsomehr, als der Mann mit seinem scharfen Verstände wie mit einem Dietrich sofort den ganzen Panzer meiner Lügen öffnen und sofort vermuthen und herumrathen wird, wasdas mit mir ist . . Aber was nun thun . . . das Geheimnis ist ja doch schon aus dem Hause, und da müssen also die alten bekannten Mittel der Verstellung herbei . . . Und wenn mm also Antonio jetzt im informativen Gespräche mit Bassanio mit angenommenen Hochmuth auf den abseits stehenden Juden blickt, so werden Sie die Ursachen der Potenzierung dieses Hochmuthes jetzt begreifen.. Denn wenn ich Shylock in Anspruch nehmen muss und in Todesangst bin, dass ich damit vor ihm meine Situation decouvriere, was habe ich dann für ein anderes Mittel als jenes, welches von in begünstigter Stellung befindlichen Herrer* in ähnlicher Situation gegenüber dem Paria noch immer angewendet wurde, dass man ihm nämlich noch stolzer und anmasslicher als sonst entgegentritt, um zu markieren, dass man ihn eigentlich nicht nöthig hat? Gib Geld, Hund von einem Juden — Sie wissen, dass man das „Hund" nicht aussprechen muss. man kann es auch vom Gesichte herablesen — also gib Geld, Hund, obwohl ich es eigentlich nicht brauche... und um dieses letzte, dieses „Eigentlich nicht brauchen", geht es, das soll hauptsächlich durch die Vermehrung der Brutalität bewiesen scheinen, und das alles malt sich denn auch in Antonios Gesicht ab. Und Shylock sieht es aus der Ferne, und da erst entschlüpft seinem Munde: „Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich4*, und sodann das erste verfängliche Wort, „Denn sieh, wie er herüberblickt und sein Aussehen, sein Kopfzurückwerfen, und dieser noch anmasslichere, noch verächtlichere und feindseligere Blick mit einemmale alle Hoffnung auf Milderung seines Sinnes abdämpft! Und so kommt er also richtig jetzt noch, wo er mich braucht, als der Alte, und statt zu bitten wird er mich gar noch frisch anspeien, als derjenige, der uns immer nur geschmäht und sogar, wo es ihm keinen Nutzen brachte, am wüthendsten verfolgt hat. . . aus welchem Grunde und zu welchem Ende? Um uns zu ruinieren,, um uns auch geschäftlich todt zu machen . . . aus purem Hasse .. . Har und dies selbst heute noch? . . . Na warte! Wie wäre ich froh, Dir diese Deine Blicke jetzt extra zu bezahlen. Un wenn ich Dir ja wirklich an die Hüfte rühren könnte, wie wollte ich mir da gütlich thun!" Das also ist das erste verfängliche Wort, die erste Kundgebung eines Wunsches nach Vergeltung, und wir müssen fragen: Taucht etwa jetzt schon in ihm der Plan auf, Antonio ans Leben zu gehen? Wohlgemerkt, ans Leben! Und da bitte ich, sich zu fragen, ob Shakespeare, der die menschliche Seele besser als jeder kannte, einen solchen Unsinn beabsichtigen konnte, wo Anlass und Ausmass der Racheabsicht in einem so himmelschreienden Missverhältnisse stehen? Um Gott, bedenken Sie doch, dass schon nach den Gesetzen der Natur nicht jeder erste und leise Druck auf die Feder gleich die letzte und rasanteste Wirkung entfesselt, und dass die Absicht zu tödten in der Seele eines alten Mannes nicht schon durch eine blosse und noch dazu auf eine gewohnte Insulte hin entzündet werden kann! Denn dieses letztere spielt doch auch mit; dass es eine gewohnte und nur allzu alltägliche Insulte war. Welcher Christ behandelte damals den Juden anders, und wäre Shylock so leicht zu Explosionen geneigt, so hätte er schon hundertmal früher in seinem Leben explodiert. Und etwas kommt noch dazu, was den Schmerz solcher Augenblicke für das Empfinden des Juden nothwendig milderte, nämlich: sie entehrten ihn in den Reihen der Seinigen nicht. Es war das allgemeine Unglück, das über allen schwebte, alle gleich betraf, und darum eher als eine Vermehrung der Torturen, unter denen alle litten, denn als Schmach angerechnet wurde; ja vielleicht wuchs damit nur der Schein des Martyriums des einzelnen. (Schluss folgt.)