Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 1 (1.1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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19 geben haben, und dass diese Praxis im vorliegenden Falle zum erstenmale durchbrochen worden ist. Es ist also immerhin eine wichtige principielle Entscheidung, welche hier von dem durch die „Oesterreichisch-Israelitische Union" bestellten Anwalte erzielt worden ist. — Unser Rechtsschutz-Bureau hat in dieser Angelegenheit wiederholte Vorstellungen bei den Ministern des Innern und der Justiz erhoben. Aus Nordböhmen. In den Landgemeinden Tetschen-Bensen-ßöhm. Kamnitz, dem einstigen Wahlbezirke Dr. Herbst's, candidiert neuerlich der bisherige deutschfortschrittliche Abg. Gustav Nowak. Von den Deutschradicalen hart bedrängt, hatHerrNowak in einer Wählerversammlung die Erklärung abgegeben, dass er sich den Deutschvölkischen näher verwandt fühle, als den Deutschfortschrittlichen, und dass er den jüdischen Einfluss auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens bekämpfen werde. Die angeblich liberale „Tetschen-Bodenbacher Ztg." vertheidigt in einer Reihe von Artikeln diesen schmählichen Gesinnungswechsel des Herrn Nowak, wobei ihr das interessante Geständnis entschlüpft, dass der Club der Deutschen Fortschrittspartei im Abgeordnetenhause grundsätzlich keinen Juden aufnimmt. Die Herren Deutschliberalen rechnen also auf die jüdischen Stimmen, sie stellen es aber jedem Parteigenossen frei, sich an der antisemitischen Hetze zu betheiligtn und für eine reinliche Scheidung zwischen Ariern und Semiten zu plaidieren. Wir sind Herrn Nowak und der „Tetschen-Bodenbacher Zeitung" für diese Aufklärung sehr dankbar. Die Juden waren es, die 97 deutsche jüdische Schulen in Böhmen gegründet und erhalten haben. Diese Schulen waren die Pflanzstätten alles Guteu und Edlen, aus ihnen giengen grosse Männer hervor und viele dieser Schulen konnten nur mit grossen Opfern fortgeführt werden, weil der Jude einsah, dass er die deutsche Weltsprache beherrschen müsse. So waren die Juden Pionniere des Deutschthums und erst, als man sie von deutscher Seite fallen liess und die Czechen ihnen goldene Berge versprachen, wurden die deutschen Schulen in czechischen Orten aufgelassen und so der Platz dem Slaventhum geräumt. Nicht die Juden, sondern die Deutschen selbst haben damit ihre Sprache preisgegeben. Viele deutsche Beamte etc., die in czechischen Gegenden wohnen mussten, hatten ihre Kinder in die jüdisch-deutsche Schule geschickt, damit sie dort deutsch lernen; durch die Aufhebung der meisten deutsch-jüdischen Schulen im czechischen Sprachgebiete hat man die Kinder deutscher Eltern direct dem Czechenthum ausgeliefert, und die Zahl derer, die so dem Deutschthum verloren giengen, ist nicht gering; heute bestehen in Böhmen höchstens noch 25jüdische Privatschulen zumeist nur in gemischtsprachigen Orten. Und nun noch die Stellung der Juden im deutschen Sprachgebiete : Wer hätte sich träumen lassen, dass in Teplitz, Karlsbad, Reichenberg etc., wo vor u2o Jahren noch die beste Harmonie zwischen Juden und Christen bestand, eine solche Wendung eintreten könnte? Heute sind die Confessionen in allen gesellschaftlichen Schichten getrennt, in den Turnvereinen ekelt man sie hinaus, in den Gesangvereinen gehen sie von selbst, weil die Arier ihnen die Möglichkeit eines Beisammenseins verleiden. Sie sind nur noch zum Zahlen da und wer zahlen will und nicht hingeht, wird allenfalls noch geduldet. Was nun die Ehrenämter der Juden in christlichen Gemeinwesen anbelangt, so ist hier nur noch die alte Praxis geltend. Man lässt die Alten in Amt und Ehren, so lange sie auf die Ausübung jedes Einflusses verzichten, neue Mandate können höchstens noch im Compromisswege, im Kampfe gegen gemeinsame Gegner erlangt werden. Die Fähigkeiten spielen dabei keine Rolle, der grösste Ignorant wird gewählt, wenn er nur deutsch-a r i s c h ist und Radau machen kann. Wer die Luft der Freiheit nach dem Jahre 1848 geathmet, das Gefühl der Gleichheit nach 1867 in sich aufgenommen hat, der kann nur mit Wehmuth den Verfall dieser goldenen Zeit und die Zunichtemachung ihrer Verheissungen sehen. Vielleicht übt der