Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 1 (1.1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Einschränkung ist berechtigt gegenüber einer Regierung, die durch eines-ihrer- Mitglieder die seltsame Erklärung abgab, dass: an den Pforten des, Klosters die Staatsgewalt, aufhöre. Man kann noch weiter gehen und behaupten, dass schon an den galizischen Landesgrenzen die Verfügungen der Cehtralbehörden vielfach un-> wirksam werden. Aber eben diese, durch die politische und nationale Gliederung Oesterreichs verursachte Beschränkung ihrer Macht muss jede Regierung dazu treiben, sei es. durch directe Verstösse, wie sie. Badeni versuchte, sei es auf, vorsichtigen Umwegen, wie sie Herr v. Koerber sucht, die der Centralgewalt entgegenwirkenden Widerstände zu bekämpfen. Auf die Dauer kann und wird sich gar keine Regierung — sofern sie den Namen einer solchen verdienen will — mit einer in sich nichtigen und ziellosen Radaupartei vertragen. Ob nun aber das Ministerium Koerber oder anders heisst, jedem ist die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Parlamentes als unverrückbares Ziel gesteckt, und diesem oberstem Zwecke muss es noch ganz andere Fragen als die Judenfrage unterordnen. Wie immer die Regierung diese Aufgabe zu lösen gedenkt, ob auf dem jetzt betretenen, gleichsam mechanischen, oder ob auf dem organischen Wege der Verständigung der Parteien untereinander, insolange sie das Parlament nicht wieder in Gang gebracht hat, wird sie die christlichsociale Partei als einen Factor in ihrem parlamentarischen Galcul gelten lassen müssen. Wir können dem Ministerium gegenüber nur in kühler Neutralität verharren, ihm Opposition zu machen, wäre zwecklos, denn alle nachfolgenden Minister stünden zu der Judenfrage um kein Haar anders. Für unsere Stellung zur Gesammtbevölkerung kommen zunächst die Zustände in der Reichshauptstadt in Betracht. Von Wien ist die antisemitische Bewegung ausgegangen, von hier aus wurde sie in die Provinzen getragen, wo sie mehr oder weniger, national verbrämt wurde. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben! Die Bevölkerung Wiens ist antisemitisch und wird es noch geraume Zeit bleiben. Wien ist keine Stadt der Intelligenz, keine Industrie- und daher auch keine Arbeiterstadt, sondern vorwiegend eine Stadt des „kleinen Mannes", einer geistig ausgehausten, Schichte, der jede Idealität abhandengekommen ist Das ist genau der Boden, wie ihn der Antisemitismus, d. i. der Socialismus des Spiess- und Pfahlbürgers, braucht. Es wäre thöricht, eine Bewegung, die zwar aus den hässlichsten, aber immerhin aus wirklichen Volksinstincten hervorgegangen ist, mit Gründen der Vernunft und Gerechtigkeit bekämpfen zu wollen. Die Clericalen haben seinerzeit der liberalen Strömung gegenüber eine klügere Taktik beobachtet. Von dem Tage an, als die Wiener zur Aufhebung des Concordats illuminierten, bis zu den ersten Siegen der Reaction war kaum eine Kutte auf den Strassen zu sehen, ja selbst das einzige clericale Organ, die „Kirchen-Zeitung", verschwand. Sie wühlten im Stillen wie die Maulwürfe, als aber ihre Zeit gekommen, waren sie Alle wieder da, sie hatten ihre Kraft geschont