B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 5 (5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 157 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9598440-9598578--1097-9598607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
157 Aus anderen Distrikten. Österreich. Die ästerreiehd stehe Großloge stand dui MM unter deim Zeichen des 70. Geburtstages von Br. Sigmund Freud. Am 8. Mai fand die Festsitzung der .„Wien", der Fremd seit dem 29. September 1897 angehört, dm großen Saale de« Industriehauses statt. Präsident Br. Dr. Felix Kohn sprach namens der ..Wliein", Br. Großpräsident E Ih r m a n n namens der Großloge. Br. Ehrmiann erwähnte in seiner Rede ein Gespräch mit Freud, aus dem folgende Stelle wiedergegeben sei: ..Ich erinnere mich einer Diskussion zu Dreien, die er und ein bereits V'enstorbener ausgezeichneter Bruder und ich nach einer Logendiskuission hatten. DieS'er genannte geistvolle und charakterstarke Bruder hatte die Ansieht vertreten, trot-za 11 e<r Chatr a k t e r f e s t d g k e dt könne es Situationen geben, in denen e ii n e V e ir 1 e u g n u n g d e s jüdiiscSheta Ursprungs, ein A u is t r i fe t a lü s der Gern e d nschaft des Jiudenitums zu r e c h t fertigen war e, wenn es gilt, eine führende Stellung in Kunst und Wissenschaft, Politik und dergleichen einzunehmen, eine Lebensaufgabe durchführen ziu können, die man sonst aufgeben müßte, und es sei dies die private Angelegenheit eines jeden einzelnen. Br. Freud vertrat mit mir die Ansieht., daß es kleine reine Privatsache seid, sondern daß durch eine solche Auffassung, wiie sie der erwähnte Bruder als zulässig erklärte, die Rechte und Interessen der Allgemeinheit gefährdet werden; dlemn wenn es zm Recht bestünde, daß man von einem einer bestimmten Konfession oder Volksgemeinschaft angehörngen Staatsbürger verlangen dürfe, daß er. um eine bestimmte Stellung auszufüllen, ziu der er befähigt und vor anderen berufen ist, vorerst seinen Ursprung und seine Überzeugung zu verleugnen habe, so dürfte man dies mit scheinbarem Recht von allen verlangen, die ein gleiches Streben besitzen und damit würde ein Gewohnheitsrecht vda facti geschaffen, ais» elin Unrecht gegen die Gesamtheit." Die Festrede hielt der Schüler Freuds Br. Dr. H i t s c Ih m a n n (Eintracht) und der Arzt Freuds Br. Expräs. Uniiv.-Prof. Braun (Wien). Br. Freud wlar durch Krankheit verhindert, an der Feier teilzunehmen. Sein Bruder Br. Kommerzdalrat Alexander Freud (Eintracht) verlas ein Schreiben des Jubilars, der schildert, was ihn ziu unsierem Orden führte, „was die Anziehung des Judentums und der Juden unwiderstehlich machte; viele dunkle Gefülhismächtie, um so gewaltiger, je weniger sie sich in Worten erfassen 'ließen, ebenso wie die klare Bewußtheit der inneren Identität, der gleichen seelischen Konstruktion. Und dazu kam bald die Einsicht, daß ich nur meiner jüdischen Natur die zwei Eigens ehalten verdankte, die mir auf meinem schwierigen Lehenswege unerläßlich geworden waren. Weil ich Jude wjar, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauche ihres Intellektes beschränkten, als Jude war (ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einvernehmen mit der ..koimpakten Majorität" zu verzichten. 'So wurde ich also einer der Ihrigen, nahm Anteil an Ihren humanitären und nationalen Interessen, gewann Freunde unter Ihnen und bestimmte die wendigen Freunde, die nair geblieben Waren, in unsere Vereinigung einzutreten. Es kam ja gar nicht dn Frage, daß ich Sie von meinen Leihren überzeuge; aber zu einer Zeit, da in Europa niemand auf mich hörte und ich auch in Wien noch keime (Schüler hatte, schenkten S i e mir eine wohlwollende Aufmerksamkeit. Sie waren mein erstes Auditorium. Etwa zwei Drittel der langen Zeit seit meinem Eintritte hielt ich gewissenhaft bei Ihnen aus, holte mir Erfrischung und Anregung aus dem Verkehr mit Ihnen. Sie waren heute so liebenswürdig, es mir nicht vorzuhalten, daß ich Ihnen in diesem letzten Drittel fern geblieben bin. Die Arbeit wuchs mir dann über den Kopif, Amfordierungen, die mit ihr zusammenhdngen, drängten sich Vor, der TRag vertrug nicht mehr die Verlängerung durch den Sitzmmgsbesuch, bald darauf auch der Leib nicht die Verspätung der Mahlzeit. Zuletzt kamen die Jahre des Krank-