B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 5 (5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 151 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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151 Der sittliche und der jüdische Affekt. (Bemerkungen zur Großlogentagun g.) Der erste Eindruck, den das Bild der. versammelten Mitglieder der Großloge bietet, ist der eines parlamentarichen Gesohäftsausschusses. Die Delegierten sitzen an langen Tischen, Schriftstücke und Schreibzeug vor sich. Hier hat nicht der äußere Rahmen jene festliche Stimmung vorzubereiten, die jeder Logensitzung das Gepräge gibt. Brüderliches Beisammensein ist das Ziel des Logenlebens. Die Leistungen an Wohltätigkeit, die „praktische" Arbeit im Dienste mensohheitlicher Aufgaben ist nur die Auswirkung der Logenfreude. Die Tagung der Großloge aber steht unter dem Zeichen eines andern Zweckes: hier ist die Rechenschaft über Leistungen, die Erörterung eines Arbeitsplanes eigentliches Programm; das Beisammensein ist hier nicht der Zweck an sich, der Zweck liegt außerhalb der Versammlung. Aber gerade dieses Bewußtsein für einen größeren Kreis verantwortlich zu sein, gibt dem einzelnen den Blick fürs Ganze. Wir Menschen sind in d e m Sinne soziale Wesen, daß unsere Gedanken und Handlungen von dem Gemeinschaftsgefühl bestimmt werden, das uns jeweils erfüllt. Nur ist es nötig, daß dieses Gemeinschaftsgefühl eine bestimmte Stärke besitze, daß es aus dem Gemenge anderer Gefühle deutlich hervortrete, vielleicht auch andere Gefühle in seine Bahn ziehe, kurz, daß es einen affektiven Charakter trage. Worin sich die Tagung der Großloge . von parlamentarischen Sitzungen unterscheidet, ist vor allem dies: daß ihr der politische Affekt fehlt. Es gibt nun viele, die parlamentsähnlichen Verhandlungen und Beirichten nicht folgen können, wenn ihr eigenes politisches Interesse nicht durch Zustimmung oder Gegensatz erregt wird. Und dennoch gehört es zu den tröstlichen Tatsachen in der Wirrnis des Lebens, daß Menschen zusammenkommen, um über nichts anderes als über sittliche Aufgaben zu verhandeln. Die Ruhe der Atmosphäre, die Einmütigkeit in letzten Dingen der Gesinnung verlangt, um verstanden zu werden, mehr als die Bereitschaft, sich am Spiel von Barteikämpfen und gedanklichen Gegensätzen zu erfreuen; all das verlangt, d a ß m a n selbst vom sittlichen Affekt ergriffen sei. „Man ist herzlich wonig, wenn man nur ein anständiger Mensch ist," sagt Goethe. Und er meint damit, daß man von einem wahrhaft sittlichen Menschen nicht nur die Scheu vor dem Bösen oder die sanfte Anerkennung des sittlichen Prinzips zu fordern habe, sondern die fortreißende, leidenschaftliche Liebe zum sittlichen Wollen. Es waren drei große sittliche Problemkreise, welche diesmal die Tagung der Großloge beschäftigten: die Frage der Jugenderziehung, der Armenfürsorge und des Pazifismus. Dadurch, daß die Referate Fachmännern anvertraut waren, konnte ein bedeutsamer geschichtlicher Hintergrund gewonnen werden, von welchem sich die Forderungen der Gegenwart plastisch, d. h. von allen Gesichtspunkten schaubar, abhoben. Aber idie weite Perspektive der Erörterungen hatte noch eine andere Bedeutung. Es ging ja bei jedem Problem um jüdische Angelegenheiten. Die Frage der sittlichen Jugenderziehung