B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 5 (5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 uns: nicht nur als Bild, das in der herrlichen Federzeichnung Svabinskys trauerumflort die Präsidentenestrade schmückte, auch sein Geist schiebte über der Stätte, der er so oft die Weihe gegeben hatte. Br. Jerusalem war im Kreise seiner Brüder immer nur der Patriarch gewesen. Jetzt zum erstenmal entrollte Br. Großsekretär Ministerialrat Dr. Wiesmeyer die Geschichte dieses Lebens, das nur wenige gekannt hatten. Leopold Jerusalem wurde am 13. Jänner 1849 zu Dfenitz bei Chrudim geboren. Sein Vater, Markus Jerusalem, war Landwirt und starb jung infolge eines Wagenunfalles. Leopold war der sechste von neun Geschwistern; 'die beiden ältesten Brüder ertranken mit ihrem Hauslehrer beim Baden. Der dritte, Bernhard, widmete sich der Landwirtschaft und übernahm später das väterliche Gut. Den Volksschulunterricht genoß Leopold sowie seine Geschwister im Hause, später besuchte er das (damals deutsche) Gymnasium in Leitomischl, nach der Quarta kam er. da er gleichfalls Vorliebe für die Landwirtschaft zeigte, an die (tschechische) Ackerbauschule in Chrudim. Nachdem er sich auf dem väterlichen Gute die notwendigen praktischen Kenntnisse angeeignet hatte, übernahm er im Alter von 20 Jahren, nachdem seine ältere Schwester und deren Gatte jung gestorben waren, deren Hofpachtung Kohl-Pribram bei Jenikau. Nach wenigen Jahren gab er diese Pachtung auf und pachtete den Meierhof Velen bei Öakowitz, den er durch nahezu 50 Jahre (bis zur Bodenreform 1924) bewirtschaftete. Dort, vermählte er sich im Jahre 1878 mit Frau Camilla geb. Beykowsky. Der Ehe entsprossen fünf Töchter, eine starb als Kind. Im Jahre 1887 pachtete er noch die Meierhöfe Gbell und Satalitz dazu und verlegte seinen Wohnsitz nach Gbell, ein Jahr später siedelte er, seiner heranwachsenden Kindern wegen, für die Wintermonate nach Prag über. Gbell bewirtschaftete er bis zum Jahre 1911, von da an verbrachte er den Sommer wieder in Velen. Den Hof Satalitz tauschte er später gegen die Pachtung Letnan aus, deren Geschäfte er bis an sein Lebensende selbst führte. . . Während der Jahre des stillen Landaufenthaltes sucnte er dn jeder Weise seine Bildung zu vervollkommnen. Er las viel und wurde ein gründlicher Kenner der deutschen Klassiker, Nachklassiker und Novellisten. Eine besondere Vorliebe hatte er für Hebbel, und das zu einer Zeit, als die Hebbel-Gemeinde noch eine sehr kleine war. Weitere Lieblinge waren Heine, Keller, Fritz Reuter. Er begann auch auf eigene Faust fremde Sprachen zu lernen und brachte es so weit, daß er schwierige Werke der französischen und englischen Literatur mit Leichtiglkeit las und in beiden Sprachen fließend korrespondierte. Auch durch seine jüngeren Brüder, namentlich durch 'den später bedeutenden Juristen Br. Josef Jerusalem und den berühmt gewordenen Philosophen Br. Wilhelm Jerusalem hatte er viel geistige Anregung; Wilhelm arbeitete auf seinem Hof in Velen seine Doktordissertation aus, an der Leopold Jerusalem lebhaften Anteil nahm.