B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 4 (4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 115 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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115 v. Gomperz entsprechend, die Übersetzungeiniger philosophischer Werke John Stuart Mill's ins Deutsche übernahm. Später als Demonstratoren an dem Institut angestellt, konnten wir uns gegenseitig unterstützen und aushelfen, und ich bin Br. Freud noch heute für manche Anregung, für manche^Hilfe dankbar. Die schöne Zeit sollte für uns beide nicht Ohne Trübungbleiben. Die Verhältnisse in Österreich und Deutschland verdüsterten sich für die Juden und eine Fortsetzung der theoretischen wissenschaftliehen Forschung war diesen erschwert oder unmöglich gemacht auch durch die Aussichtslosigkeit, ein Lehramt für Physiologie oder ein verwandtes Fach an einer Universität zu erlangen. Wir mußten beide daran denken, einem praktisch-medizinischen Fache uns zu widmen, waren aber beide darauf bedacht, ein solches *zu wählen, das die wissenschaftliche Betätigung und dm Zusammenhang mit unserer vorausgegangenen wissenschaftlichen Arbeitsrichtung nicht verlor. Beide traten wir in den Dienst des Allgemeinen Krankenhauses und setzten dort die begonnene wissenschaftliche Tätigkeit in klinischer Richtung fort, trotz aller uns von judenfeindlicher Seite bereiteten Hemmungen und Hindernisse, Freud auf dem Gebiete der Nervenpathologie und Physiologie, ich als dem physiologischen Gebiete näherstehend, zunächst auf dem Gebiete der Ophtaluiologie und zuletzt der Dermatologie. Zunächst trafen wir uns noch oft im Ijaboratorium des berühmten Neurologen und Gehirnanatomen Theodor IMeynert, aber als auch dieser mit den Wölfen zu heulen begann, faßte Freud den kühnen Entschluß, den er auch nie zu bedauern hatte, nach Paris zu gehen, um unter dem berühmten Gharcot seine Studien und Forschungen fortzusetzen, dessen Vorlesungen er später auch herausgab. Ich fühle heute noch die Traurigkeit, die mich befiel, als Freud mir beim Weggehen sein Rauehtischchen aus seinem Dienstzimmer zur Verwahrung in das meine stellte und zur Reise nach Paris Abschied nahm. Nach Wien zurückgekehrt, begann Freud bald sich jenem Gebiete zuzuwenden, das seinen Weltruf begründen sollte. Er widmete sich gänzlich der Erforschung des Lebens der „Seele", der Kenntnis ihrer Tiefen und Abgründe, dein Einflüsse ihrer Anomalien — er revolutionierte, wie ein Amerikaner sagte, die Psychologie — und beleuchtete damit die Äußerungen im Leben des Einzelnen und der Menschheit auch in Kunst und Literatur. Er selbst wurde ein feiner Kenner der Kunst vergangener Zeiten, während ich mich der Erforschung der lebenden Materie an Gesunden und Kranken ergab. Doch blieben wir auch ferner in freundschaftlichen Beziehungen, die sieh durch unsere Liebe zur bildenden Kunst und durch unsere Zugehörigkeit zum Orden wenn möglich noch mehr vertieften. In der ..Wien" hat Br. Freud zuerst über seine Traumdeutung und über andere Probleme seiner Forschung gesprochen. Alle älteren Brüder der „Wien" erinnern sich noch heute mit inniger Freude semer launigen Bemerkungen in Diskussionen und beim Brudermahle und wünschen Br. Freud und seiner Familie, daß er noch lange unter uns wirken möge!