B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 6 (6.1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 188 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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188 liege. Ein Zusammenleben von Juden und Nichtjuden müsse nicht notwendig1 Reibung, Haß und Feindschaft auf beiden Seiten zur Folge haben. Nach Blaus Auffassung sind auch die Juden für die Ausbildung der Gegensätze verantwortlich. Ein im rechten Sinne jüdischer Jude entferne sich vom extremen Ghettojuden ebenso wie vom extremen Assimilationsjuden und werde als solcher sich die Achtung der Gesellschaft erwerben und nicht dem Hasse der Welt ausgesetzt sein. Achtung für die eigene Persönlichkeit, Achtung für die fremde Persönlichkeit sei der Schlüssel für die Lösung des so schwierigen jüdischen Problems. Selbstachtung und Achtung des andern seien die geeignetsten Mittel, um Selbstüberschätzung, Chauvinismus, Hakenkreuzlertum mit positivem oder negativem Vorzeichen zu verhindern. Chauvinistische Theorien wie die Samuels seien nur geeignet, Gegensätze hervorzurufen und dem Ausgleich entgegenzuarbeiten. Wenn Blau sein Essay über Samuels Buch mit der Behauptung einleitet, daß es das erste jiddische Buch in englischer Sprache sei, so bezieht er sich auf eine Theorie des Prof. Wolfson an der Harward-Universität. Dieser stellt fest, daß in der Gegenwart nicht ein homogenes jüdisches Volk einen Bildungsprozeß durchmacht, sondern wir müssen zwischen einer jüdischen und einer jiddischen Nation unterscheiden. Nach Wolfson und andern gehören die „Juden" und die „Jiden" verschiedenen ethnischen Gruppen an; das Jiddische sei nicht nur eine Sprache, sondern auch eine Psychologie, eine Mentalität. Das Jiddische sei die Psychologie des Ghettojudentums, innerlich verbogen, krumm und krankhaft. Wenn auch diese Mißbildung auf Ursachen zurückzuführen ist, für die nicht die Juden allein die Verantwortung trügen, müsse das Bestreben aller Juden darauf gerichtet sein, dieser Entartung durch Beispiel und planmäßige Erziehung zu begegnen. Nichtsdestoweniger gebe es unter uns „Juden" gar manche Romantiker, die für die Erhaltung der Ghettopsychologie und Ghettoindividualität eintreten, indem sie die gesunde, aufrechte jüdische Art mit dem krankhaften Ghettotypus verwechseln. Samuel spreche im Namen der „Jiden", er habe die Apotheose des Jiddischen geschrieben, aber nicht die des „Jüdischen". Blau meint, daß es weder im Interesse der Welt noch in dem des Judentums liege, den Ghettotypus zu erhalten. Dieser menschlich verbogene Ghettotypus werde stets ein \ ernannter bleiben, sei es in New York oder Chicago, sei es in Palästina, wenn er auch dort,— aber nur für kurze Zeit — Fuß fassen könne. Da Samuel keineswegs aus dem Ghettojudentum stammt, so stellt Blau an diesem Falle fest, daß sich in unsern Tagen eine neue Assimilationsform herausbildet, die Assimilation des Westjuüen an den Ghettojuden und den geistigen Horizont des Ghetto. Und so sei das Buch Samuels das erste jiddische Buch, das in englischer Sprache und dazu noch in einem sehr guten Englisch abgefaßt ist. Der geistreiche Essay schließt mit dem Hinweis darauf, daß es nicht dem altprophetischen Geiste entspreche, wenn man Juden und Nichtjuden gegeneinander ausspiele; denn der Prophet Maleachi habe vielleicht zum erstenmal die wunderbare Formulierung für den Mittelbegriff unserer Ordensdevise ausgesprochen: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht e i n Gott erschaffen?" Mit diesen Worten schließt Blau seine Studie über das Buch M. Samuels, der in seiner Entgegnung gerade diese im B. B.-Magazine erschienene Kritik als eine der lesenswertesten hervorhebt. Die Abgrenzung der „Juden" von den „Jiden" hält Samuel für weit verhängnisvoller als den von ihm dargestellten Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. Was nun den Mangel an Loyalität betrifft, den Samuel als Konsequenz seiner Hauptthesis feststellt, so meint der Verfasser, daß im Juden das Fundamentalgefühl die Liebe sei und er deshalb der Loyalität nicht bedürfe; denn wo die Gemütsbeziehungen fehlen, dort stelle sich die formelle Loyalität ein und für eine seelenlose Fügsamkeit sei der Jude nicht geschaffen. Mit Temperament und, von einem tiefen Ressentiment erfüllt, erklärt der Verfasser, daß die Juden zwar besser sein sollten, als sie es tatsächlich sind, doch hätten