B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 10 (12.1924)
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Den Brüdern, die dieser Huldigung persönlich nicht beiwohnen konnten, sei hier ein kurzer Abriß aus dem inhaltsreichen Leben des s. w. Großpräsidenten Hofrats Prof. Dr. Salonion Ehrmann gegeben, wie es Br. Dr. Viktor B a n d 1 e r in der Festsitzung der beiden Prager Logen uns vermittelte; und unsere heutige Bildbeilage, sie zeige den Gefeierten jenen, die noch nicht das Glück hatten, ihn persönlich kennen zu lernen. Unserem Bruder Ehrmann selbst aber gelte unser innigster und herzlichster Glückwunsch: Ad mukös annos! „Jeder Mensch ist ein einmaliges Wunder, in der strengen Konsequenz seiner Einigkeit ist er schön und betrachtenswert, neu und unglaublich wie jedes Werk der Natur." Diese Worte Nietzsches fielen mir ein, als ich darüber nachdachte, wie ich am besten, das Wunder der Persönlichkeit unseres so verehrten und geliebten Bruders und Großpräsidenten Hofrat Prof. E h r m a n n darstellen soll. Die meisten von uns kennen den liebenswürdigen, klugen Bruder persönlich, da er früher gar häufig unter uns weilte. Die wohltuende Wärme, die von Ehrmann ausstrahlte, wenn er kluge, einfache, ungesuchte Worte ohne Pathos und ohne große Geste zu uns sprach, hinterließen stets starke Eindrücke. Bescheidenheit und Würde zierte stets Ehrmanns offizielle Funktion und durch seine Reden bekommen wir Einblick in ein reiches geistiges Leben, wie es nur wenigen beschieden ist. Nicht nur sein Mund ist beredt, vielsagend auch sein Schweigen, begleitet von dem feinen Lächeln des weisen Auguren! Wer Ehrmanns Wesen und Persönlichkeit würdigen und verstehen will, der muß sich in sein Werden und Wachsen vertiefen. Die Entwicklung, Jugend und Lehrjahre bieten eine Fülle interessanter Momente, welche und das Verständnis des reifen, geistig so hochstehenden universalistisch gebildeten Mannes erleichtern. In Ostrovec, einem kleinen südböhmischen Orte, wurde Ehrmann geboren und verbrachte dort seine erste Jugend. Das Elternhaus hat bei Ehrmann einen tiefen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen; dort lebte der altjüdische Familiensinn, von dem 'auch Ehrmann erfüllt blieb; sein Vater, der neben einem Glasergeschäft Ökonomie betrieb, ist früh gestorben und all die Kindesliebe übertrug Ehrmann auf die Mutter, die er glühend liebte und verehrte; die Mutter verbrachte ihren Lebensabend — sie starb 84 Jahre alt — im Hause Ehrmanns in Wien. Sie entstammte, wie wir Ehrmanns „Zeitgemäßen Betrachtungen" entnehmen, der Familie des Kreisrabbiners Sachs; Ehrmann erzählt von dem Mütterchen, das neben der Bibel die deutsche Literatur kennt, gar oft Lessing, Goethe und Herder zitiert. Diese Eigenschaft der Mutter scheint sich vielfach auf den Sohn vererbt zu haben, denn auch in Ehrmanns Reden finden wir neben Zitaten aus der Bibel immer Zitate aus den Klassikern Auch die Heimadiebe ist seit der Jugend bei Ehrmann stark ausgeprägt, immer wieder kommt er auf das Dorfjudentum zu sprechen, dessen Verfall er bedauert.