B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 8 (10.1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 215 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Resultante einander entgegenwirkender Kräfte ergeben wird, wenn wir einerseits tatsächliche Leistungen den feindlichen Beurteilungen gegenüberstellen und wenn wir die jeweiligen kulturellen Leistungen und ganz allgemein die Höhe der Kultur bei Juden und Wirtsvölkern nach Zeit und Ort mit in den Kalkül einbeziehen. Hier handelte es sich nicht darum, diese Gesichtspunkte in ihrer Gesamtheit aus der Geschichte des Antisemitismus herauszuarbeiten, sondern es sollte an einer Teilfrage gezeigt werden, in wieweit ehrliches und redliches Bemühen imstande ist, aller Anfeindung zum Trotz den antisemitischen Wall, der diesem ehrlichen Streben hemmend entgegensteht, niederzuringen. Es ist für eine allgemeine Betrachtung nicht bedeutungslos, diesen eben geschilderten Entwicklungsgang einer Berufskategorie auf die allgemeine Frage zu übertragen: Zweifellos ist die antisemitische Zielstrebigkeit auf das Ganze gerichtet, und es gab auch Zeiten und es gibt auch Länder, wo diese Bestrebungen vorübergehend dem Ziele nahekommen. Aber eben diese Zeitperioden und eben diese Landstriche bestätigen es uns, daß der Antisemitismus, seine Methodik und sein Erfolg — und nicht zuletzt der hierfür gegebene Anlaß der dort jeweils herrschenden Kulturhöhe entspricht. Als Faktoren für die Beurteilung des Kulturbegriffs dürften wohl individuelle Ertüchtigung, objektive Höhe der Leistung des Einzelnen und der Gemeinschaft im Beruf und in sittlicher Betätigung immer noch die Hauptrolle spielen. Diese Faktoren, die wir ohne Zwang als Folgen einer geistigen und sittlichen Weiterentwicklung des Stammescharakters bewerten dürfen, waren wohl bisher nicht imstande, die Gesamtangriffe antisemitischer Bestrebungen zu nichte zu machen, aber es gelang dies wenigstens in einzelnen Teilfragen vollkommen. Es gelingt ferner zweifellos, durch solche Faktoren von Zeitepoche zu Zeitepoche und von Land zu Land, entsprechend der geistigen und sittlichen Höhe bei Juden und Nichtjuden, die Energie neuer Wellen immer mehr zu schwächen. So führt schließlich dieses, unser höchstes Ziel: die geistige und sittliche Vervollkommung des Charakters des Einzelnen und des ganzen Stammes, bzw. seine geistige und sittliche Kraft über alles Trennende hinweg zum Menschheitsgedanken: Nicht kleinliches Nachgeben, nicht Furcht und gezeigte Schwäche führt uns über Anerkennung unserer Rechte zu diesem Ziele; auch nicht durch wechselnde Utilitätspolitik kann hier eine Festigung des Optimismus erfolgen — und dauernd genährter Pessimismus kann unsere Energie nicht fördern. Stille Resignation führt auch nicht zum Ziel; doch lehrt eine geschichtlich rückblickende Betrachtungsweise, daß es da immerhin zweckmäßiger ist, bei hochgehenden Wellen und bei loderndem Strohfeuer öl ins Wasser statt ins Feuer zu gießen.