B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 5 (5.1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 143 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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143 die Bedeutung Achad Haam's in's Gedächtnis zu rufen. — So bescheiden, wie unser Autor seinem Werke den Titel: „Am Scheidewege" (All parasat drachim), gibt er sich selbst das Pseudonym: Achad Haam, d. h. einer aus dem Volke. In dieser Bescheidenheit liegt Größe. Achad Haam stellt die Sache des Judentums, der er dient, über den persönlichen literarischen Ruhm. Ihm handelt es sich nicht so sehr um ein literarisches Werk als vielmehr um das Werk der Renaissance des jüdischen Volkes und des Judentums, zu dessen Wiederaufbau er mächtige Quadersteine beiträgt. Jeder der vielen Aufsätze, die er liefert, ist ein solcher Quaderstein, gebrochen aus dem tiefen und reichen Schacht, worin wissenschaftliche und jüdische Bildung sich begegnen, und fein poliert mit dem Griffel des gewandten Schriftstellers. Man könnte Achad Haam den Lessing des hebräischen Stils nennen. Wer ist Achad Haam? dürfte vielleicht mancher Leser (dieser Blätter) fragen. Ihm sei die autobiographische Skizze (B. 1. S. 434 ff.) empfohlen. Sie ist mit jenem echten Humor geschrieben, der über das Menschlich-Allzumenschliche unter Tränen lächelt. Zum Verständnis des Mannes und seines Werkes gehört auch die Kenntnis des Milieus, des seelischen Bezirkes, dem er entstammt und aus dem er in die Höhe wuchs. — Uscher (recte Ascher) Ginzberg — dies der bürgerliche Name Achad Haams — geb. 5. August 1856 in Skwira (Gouvernement Kiew), wuchs unter Chasidim auf, unter dem Einfluß jener eigenartigen jüdischen Geistesrichtung, die bei aller Hinneigung zur Mystik ein heiteres, lebensfrohes, gefühlsinniges, kein asketisches, durch starren Ritualismus versklavtes Judentum lehrt und lebt. Dieser Einfluß macht sich noch in dem an der Sonne der philosophischen Aufklärung gereiften Manne geltend. So betont Achad Haam immer wieder das Gefühlsmoment im Seelenleben — auch in dem des jüdischen Volkes. Wo Vernunftsgründe nicht ausreichen, muß das Gefühl als ultima ratio herhalten. Man lese z. B. die Begründung des jüdischen Nationalismus, die auf dem Gefühl basiert (B. 2. S. 106 ff.), das nebst dem Willen zum Leben eine natur- und geschichtsgegebene Waffe im Kampfe um das nationale Dasein ist. Aus der mystischen Sphäre des Chasidismus kam Achad Haam seit seiner Verheiratung — er heiratete nach talmudischem Rat mit 18 Jahren die Tochter eines Stocktalmudisten — in die rationalistische des Talmud. Hier ging ihm die eigentliche Welt des jüdischen Geistes auf. Aber mit der Zeit wurde sie ihm zu eng, sein Geist strebte über die „4 Ellen der Halacha" und den phantastischen „Garten der Agada" hinaus in's Freie der Weltkultur. Aber er verirrte sich nicht in der neuen Welt, er verfiel nicht in den Fehler der Selbstentäußerung, er bewahrte sich seinen inneren jüdischen Menschen, dem er den außerjüdischen Bildungsstoff assimilierte. Man lese, wie er dieses eigene innere Erlebnis geschichtsphilosophisch erweitert und auf das jüdische Volk anwendet (B. 1. Nachahmung und Assimilation S. 328 ff.). In seinen Lehr- und Wanderjahren (1878—1884) in den Ländern der westlichen Kultur legte er den festen, soliden Grund zu seiner philosophischen Bildung. Am Stärksten wirkten, wie mir scheint, die englischen Philosophen auf ihn ein. Ihnen verdankt auch er die Geistesschulung nach der empirischen Methode und die — wie ich glaube — richtige Denkweise, die Dinge des äußeren Geschehens und des inneren Erlebens sub specie evolutionis zu betrachten. Neue Erkenntnisse und Auffassungen der bewegenden und hemmenden Kräfte in der Geschichte und Entwickelung des jüdischen Geistes in alter und neuer Zeit blitzen in seinem Geiste auf. Ich verweise auf die Aufsätze: Gesetzlichkeit und Barmherzigkeit (S. 278 ff.), Priester und Prophet (S. 343) u. a. Dann, nachdem er die jüdisch-rationalistische und englisch-empirische Geistesart in seinem und nach seinem Geiste verarbeitet hatte, zog er heim und wurde, da es noch keine jüdische Akademie der Wissenschaften gab, — Kaufmann, oder richtiger, der Mann seiner Frau, die einen Kleinhandel betrieb, indeß er nach wie vor in der Welt seiner Bücher und Ideen lebte. Diese friedliche Idylle des philosophierenden Handelsmannes ward unsanft gestört durch die Hochflut des Antisemitismus in den 80er Jahren des vorigen Jahrhundert. Der schöne (?) Traum der Emanzipation und Assimilation war zu Ende. Aus dem Katheder-Antisemitismus in Deutschland entwickelten sich die brutalen Formen der Juden-Pogromme in Rußland. Die seit der Zerstörung Jerusalems ungelöst gebliebene „Judenfrage", die nach Achad Haam