B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 2 (2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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35 „warum?" wir erhalten keinen aufklärenden Trost. In unserem Leide flüchten wir uns zur philosophischen Abgeklärtheit, die uns sagt: „Nach großen, ehernen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kriese vollenden." Und in der so mühsam errungenen ruhigeren Stimmung will ich mit meinen unzulänglichen Kräften es versuchen, hier in kurzen schlichten Zügen, wie es der Art des teueren Dahingeschiedenen entsprach, sein Lebensbild zu zeichnen, ihm zum ehrenden Andenken, uns zum erhebenden Tröste. Br. Dr. Sonnenschein wurde am 2. 9.1853 in Stfebowitz bei Schönbrunn als Sohn eines Gastwirtes geboren. Sein Vater übersiedelte bald nach seiner Geburt nach Schönbrunn, wo er an der nach Ostrau führenden Straße ein Gasthaus betrieb, und wir erinnern uns heute wehmutsvoll, mit welch' rührender Pietät der Verstorbene uns, so oft wir mit ihm zu einer Logensitzung nach Ostrau fuhren, im Vorbeifahren das Haus zeigte, in dem seine Eltern gelebt und er seine ersten Kinderjahre verbracht hat. Da seine Eltern ihr Kind etwas Ordentliches lernen lassen wollten, in Schönbrunn aber hiezu keine Gelegenheit war, mußte er im zartesten Kindesalter das Elternhaus verlassen und wurde zu seinem Großvater in die altehrwürdige mährische Gemeinde Leipnik gebracht, wo er seine erste Schulbildung genoß und die Grundlagen für sein reiches jüdisches Wissen erhielt. Als kleiner Junge lernte er dort schon Talmud. In Leipnik blieb er bis nach seiner Bar-Mizwah und wurde dann ins Gymnasium nach Troppau geschickt. Nach Ablegung der Matura bezog er die Universität in Wien, an der er die juristischen Studien absolvierte und den Doktorgrad erwarb. Dann kehrte er wieder nach Troppau zurück, wurde zuerst Gerichtsauskultant, später Advokaturskonzipient in der Kanzlei des Dr. Horny. In dieser Zeit muß er sich in Troppau außerordentlich wohl gefühlt haben, denn er sprach von ihr oft und mit viel Freude. Es war die Zeit des Liberalismus, in welcher die Juden Anschluß an Nichtjuden suchten und leicht fanden und Dr. Sonnenschein war in den Kreisen der Liberalen ein sehr geschätztes und gerne gesehenes Mitglied und hat dort, wie überall später, durch seine überragende Persönlichkeit eine hervorragende Rolle gespielt und zur Hebung des Ansehens des Judentums viel beigetragen. Im Jahre 1883 machte er sich in Troppau als Advokat selbständig und hat so durch mehr als 40 Jahre seine Kanzlei geführt, die infolge seines unermüdlichen, rastlosen Fleißes, seiner bezwingenden, persönlichen Liebenswürdigkeit im Verkehre, seines juristischen Scharfsinnes und seiner, durch seine hervorragende Persönlichkeit geschaffenen, weitreichenden Beziehungen zu den angesehensten des Kammerbezirkes gehörte und die vornehmste Klientel besaß. Die zielbewußte Energie die ihn, wie überall im Leben, so namentlich im Berufe auszeichnete, und ein unverwüstlicher Optimismus, der den Grundzug seines Wesens bildete, bewirkten, daß er bei steter Wahrung strengster Korrektheit keine Schwierigkeit, ja keine Unmöglichkeit kannte und vieles mit Leichtigkeit durchsetzte, was anderen nicht gelungen wäre und undurchsetzbar schien. Die persönliche Sympathie, derer er sich überall erfreute, öffnete