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B'nai B'rith · 1923-11-01 · 9 (11.1923) · p. Seite 204

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
9 (11.1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 204 (sequence 4)
Language
German
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2t5 tun zu können. Doch wie oft mag erst durch die Nötigung zu diesem Beistand hervorkommen, daß der lebende Gatte und Vater selbst notleidend war, daß vielleicht die Hälfte der „anläßlich seines Ablebens" gespendeten Beträge, ein Bruchteil der zu seinem Gedenk - fonde gesammelten Summe imstande gewesen wäre, sein Leben zu verlängern oder die Unterstützung der Hinterbliebenen entbehrlich zu machen. Deshalb nicht erst warten, bis die Totenklage ihr Recht verlangt.; Prophylaxe ist ja die Forderung der Zeit. Aber, es hieße meine Absichten verkennen, wollte mir einer zumuten, daß mir nur die materielle Seite der Frage am Herzen liegt. Es ruht eine tiefe Weisheit in dem einfachen ergreifenden Liede: ,,() lieb', so lang du lieben kannst!" Auf unseren Fall angewendet, möchten wir den Spruch dahin umändern: () üb' die Bruderliebe, solange du es noch dem Bruder selbst gegenüber kannst. Es ist eine edle Aufgabe, Kranke zu besuchen und zu pflegen, Witwen und Waisen zu beschützen, aber es ist ein noch höheres und wirksameres Werk, gesunden Brüdern Freude zu bereiten und den Lebenden selbst mit allen Kräften hilfreich beizustehen. Es geht da allerdings um feine und subtile Angelegenheiten, zu denen ein besonders warmes Herz und viel Takt gehören. Wir haben wohl Komitees für brüderliche Fürsorge; aber ein Komitee ist ein schwerfälliger Körper. Nicht jedermann eignet sich zum Ausführenden seiner guten Absichten, nicht jeder entspricht ferner dem Bilde, das sich der Hilfsbedürftige von seinem Nothelfer macht. Die Absicht„ des Komitees ist eine gute, es war ein feinsinniger Ausspruch, der gelegentlich der Begründung des Komitees in der w. ,,Bohemia" gemacht wurde: Nur dann könne es seine Aufgabe voll erfüllen, wenn sich ein jeder Bruder als Mitglied des Komitees betrachte. Einem jeden einzelnen, der Herz und Sinn für Brüderlichkeit hat, widerfährt das Erlebnis, daß er einen Bruder bekümmert oder gebrochen einhergehen sieht. In unauffälliger Weise und taktvoller Form selbst nach dem Rechten zu sehen oder geeignete ältere Brüder aufmerksam zu machen, wäre da Pflicht. Viel unnützer Schmerz, ja zuweilen drohendes Unheil könnte so verhütet werden. Etwas mehr ,,W" im Sinne von Wohlwollen, und B. u. IC. ergeben sich dann von selbst. Aber der graue Alltag mit seiner Arbeitshast, seinem Streben nach Erfolg und Gewinn, schüttet meist alle Ansätze zu nachdenklichem Eingehen, alle „sentimentalen" Empfindungen der vorbeiflutenden Erscheinungswelt gegenüber unbarmherzig zu. Nur „vorwärts!" gellt der Ruf, und dann finden wir uns nach Tagen der Unrast und Plage zu kurzem Verweilen zusammen, um in einer Logensitzung wieder einmal das Andenken eines Bruders durch Erheben von den Sitzen zu ehren. Dann wird mit Lob und Gedenkworten nicht gespart, die dem Toten nichts mehr nützen, während vielleicht ein gutes Wort dem Lebenden gegenüber genügt hätte, ihm eine Stunde zu erhellen, einen Tag des trübgewordenen Daseins zu einem freundlicheren zu gestalten. Möchten wir es uns doch angelegen sein lassen, dem Lebenden schon einen kleinen Vorschuß auf das zu gewähren, was ihm nach dem Tode oft in überschwenglichem Maße zuteil wird!

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