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B'nai B'rith · 1923-09-01 · 7 (9.1923) · p. Seite 150

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
7 (9.1923)
Date
1923-09-01
Page
Seite 150 (sequence 4)
Language
German
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150 Was war es aber, das ihn uns so leicht nahe brachte, was sprach aus ihm, daß wir alle die Hemmungen vergaßen und übersprangen, die sonst die Annäherung der Menschen erschweren? Welche Kraft wohnte in diesem Körper, welche Macht in diesen Augen? War es nur sein überlegenes Wissen, nur seine Klugheit, nur sein Geist, nur seine ehrliche Überzeugung, seine Menschenkenntnis, nur sein offener Blick, oder war es nur der reine Klang seiner Menschenstimme? Oft gingen die Meinungen weit auseinander. Emil Spiegel trug die feste, unerschütterliche Überzeugung in sich, daß das Judentum, das er zutiefst kannte, daß das jüdische Wesen, das er in seltener Reinheit besaß, daß der jüdische Glaube, dem er nicht nachbetete, sondern der ihn erfüllte, daß das Jüdische das Menschliche ist. Solche Lehre war nicht jedem heilig. Aber weil sein Judentum zugleich sein Menschentum war, weil Herz und Verstand den gleichen Rhythmus hatten, die gleiche Melodie, den gleichen Wohlklang, weil in diesem Menschen Emil Spiegel nicht nur der Verstand, nicht nur das Wissen, nicht nur die Erkenntnis gewachsen und geworden waren, sondern auch das Herz niemals stillestand, und dieses Herz sein Wissen und seinen Verstand erwärmte, belebte, fruchtbar machte, deshalb konnte er uns allen das werden, was er uns war und durch alle Jahre unseres Lebens bleiben wird, wozu Wissen und Verstand, Rednergabe und Witz niemals ausreichen: unser erster, unser aller wahrster Bruder. Er starb am Herzen. Aber er lebt in uns durch sein Herz. * * * Nicht sein Wissen allein machte ihn zu unserem L e h r e r. Das Wissen der Gelehrten füllt Pandekten und Bücher, treibt zu Forschung und Lehre, reiht Kapitel an Kapitel und sieht als Lohn einen Lehrstuhl. Sie mieten die Wissenschaft und lassen sie für sich arbeiten, hie Ware, da Geld. Unserem Bruder Emil Spiegel gebar Wissen und Wissenschaft keine Bücher, ihm gedieh sein Wissen weder zu Geld noch zu Gut. Und sein Wissen allein hätte in unserem Kreise — wir müssen es beschämt gestehen — nicht viel oder wenigstens nicht alles vermocht. Aber da war noch etwas anderes, etwas, das je der fühlen mußte, der Emil Spiegel jemals sprechen gehört hat: das war die u n b edingte, alles opfernde Hingabe an das Wissen. Diesem Manne — das fühlten und mußten wir fühlen — war sein Wissen, war die Erkenntnis, die ihm das Wissen brachte, so heilig wie das Grab seiner Eltern. Was er uns dann als unser immer gern gehörter Lehrer sagte, das war die Wahrheit, zu der er sich durchgerungen, das war immer jene Erkenntnis, die ihm die opferfreudigste Hingabe an seine Arbeit, an sein Studium, an seine Wissensforschung geschenkt hatte. Nicht sein Wissen allein, sondern seine Hingabe an die Wahrheit machte ihn zu unserem Lehrer.

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