B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 6 (6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- Seite 144 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Umschau. Heymann Steinthal. Am 16. Mai d. J. waren 100 Jahre verflossen, seit Heymann Steinthal in Gföbzig im Anhaltischen das Licht der Welt erblickte. Fast ein Vierteljahrhundert ist seit seinem Hingange (1899) verstrichen. Das Bild der Welt, nicht nur das des Judentums, ist ein anderes geworden. Und doch ist unter seinen gesammelten Aufsätzen ,,Über Juden und Judentum" fast keiner veraltet, sie sprechen auch heute noch zu uns, wie wenn sie für uns geschrieben wären, und selbst unsere Jüngeren und Jüngsten werden trotz allem, was sie von ihm trennt, vieles darin finden, was ihnen zur Stütze werden kann in ihrer inneren Not, ja sie werden diese vielleicht williger ergreifen, als es die Generation tat, für die jene Aufsätze zunächst bestimmt waren. Steinthal gehört nicht bloß uns Juden an. Sprachforscher und Philosoph, hat er seinen dauernden Platz in der Geschichte dieser beiden Wissenschaften. Insbesondere wird die Geschichte der Völkerpsychologie als der Wissenschaft, die er gemeinsam mit seinem Freunde und späteren Schwager Moritz Lazarus begründet hat, seinen Namen bewahren. Für uns aber hat er doch noch eine ganz besondere Bedeutung und nicht bloß eine geschichtliche. War er im Jahre 1863 Professor für allgemeine Sprachwissenschaft an der Berliner Universität geworden, so bekleidete er seit 1872 außerdem an der damals neu gegründeten Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin den Lehrstuhl für Bibel und Religionsphilosophie. Dieser seiner zweiten Tätigkeit verdanken wir die beiden Bände „Zu Bibel und Religionsphilosophie" (Berlin 1890 und 1895), die zu dem Schönsten gehören, was in deutscher Sprache und jüdischem Geiste zu diesem Thema geschrieben wurde. Weiters die eingangsgenannten populäreren Aufsätze über Juden und Judentum. Die letzteren hat Gustav Karpeles aus den verschiedenen Zeitschriften, in denen sie zunächst erschienen waren, gesammelt und im Jahre 1906 (zweite Auflage, Berlin 1910) herausgegeben. Die Witwe Jeanette Steinthal geb. Lazarus hat ihn dabei liebevoll unterstützt. Die erste Abteilung des Werkes vereinigt unter dem noch von Steinthal selbst gewählten Titel „Schema Jisroel" 11, vorerst in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erschienene Arbeiten. Es wäre aufs höchste zu wünschen, daß auch heute noch ein jeder Jude und eine jede Jüdin (der fünfte Aufs;tz stellt die Frage: „Gibt es noch Jüdinnen?") auf sie hören möchte. Jeder von ihnen enthält wahrhaft zu Herzen gehende Worte über Israels Eigenart und Bestimmung. Aus jedem möchte man wenigstens etwas als lockende Kostprobe herausheben. Doch will ich mich darauf beschränken, einige Kernworte über die Bedeutnng der Bibel hier wiederzugeben. Steinthal, der sich ebensosehr als Deutscher wie als Jude fühlte und der aus persönlichster, tiefster Empfindung heraus sagen durfte: „Nein, es ist kein Widerspruch zwischen Judesein und Deutschersein und Menschsein, sondern diese drei schlingen sich so ineinander, daß wir das eine nur sein können, indem wir die beiden anderen sind, und es umsomehr sein werden, je mehr wir dieses sind", sagt doch in dem in dem gleichen Jahre geschriebenen, ergreifenden Mahnwort „An die Eltern": „Mit welcher Speise möchtest du denn dein Kind großziehen? mit Grimms Kindermärchen, mit den moralischen Geschichten des Lesebuches?" Das Kind erkennt nur mit seiner Phantasie. Wäre die Bibel nicht, wir müßten sie erfinden: denn hier wird Gott und die Sittlichkeit für die Phantasie- Erkenntnis gelehrt. Die Geschichte von der ersten Versündigung des Menschen durch den Genuß einer Frucht — nenne sie einen Mythos, nenne sie ein Märchen; aber was Sünde ist, haben tiefe Denker an ihr erforscht und jedes Kind versteht sie. Ist das nicht ein Wunder von Jugendschrift?" Und nachdem er von den übrigen biblischen Erzählungen, von den Propheten, den Psalmen und Hiob gesprochen, fährt er fort: „Und solches Buch, das sich die gebildetsten Völker angeeignet haben, Kinder und Philosophen gleich wertvoll, werfet ihr von euch, ihr, denen es gegeben ist als Erbteil eurer Väter! Ihr müßtet es euch und euren Kindern geläufig machen, schon weil es euer ist; ihr müßt es aber auch deswegen, weil ihr sonst die deutsche Literatur, deutsches Sprichwort und Redeweise, deutsche Sprache vielfach nicht versteht. Ohne Hiob wäre Faust in Goethes Geist nicht geworden, wie er ist. Ihr wollt Deutsche werden, hat man euch