Mannheim
Compact Memory

B'nai B'rith · 1923-04-01 · 4 (4.1923) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
4 (4.1923)
Date
1923-04-01
Page
Seite 99 (sequence 35)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597580--0097-9597615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 Hände über die ganze Welt aussäen, wie diese Hände bewahren, was sonst unrettbar zum Untergange verurteilt wäre — verlassene Kinderseelen. Die Prager Vereinigung B. B. — einer der ältesten dieser Vereine — gründete vor 25 Jahren in Weinberge ein ausschließlich für Knaben vom Lande bestimmtes Waisenhaus (die Präger Kultusgemeinde besitzt ihr eigenesWaisenhaus),um die sich bisdahin niemand sorgte und die dem moralischen und physischen Verderb zu verfallen pflegten. Über 50 Knaben finden in diesem Waisenhause ein ständiges Heim u. zw. ein wahres Heim, ein Heim so schön, wie es nur die sorgsamsten Eltern ihren Kindern zu bieten vermögen. Es ist dies ein Heim voll glühender Familienwärme, an die der Mensch nicht vergißt, solange er lebt. Das ist keine Kaserne, und die Knaben sind nicht bloße Nummern, hier gibt es nur Eltern und Kinder. Schöne freundliche Stuben voll Sonne und Licht, wie sie nur in den geordnetesten Haushaltungen zu finden sind, und in diesen Stuben lebensfrische und fröhliche Knaben, die sich dessen vollbewußt sind, daß all das Schöne um sie ihnen allein und niemand anderem gehört. Das Waisenhaus sorgt sich bei den Knaben um alles: um die Ausbildung durch die Schule wie um ihre fernere Zukunft. Es schickt sie in Schulen (tschechische oder deutsche, je nach der Muttersprache) und wenn sie der Schule entwachsen sind, läßt es sie ein Handwerk oder den Handel erlernen und besonders begabte läßt es studieren und zwar umgibt sie das Waisenhaus mit seiner familiären Obsorge, solange sie nicht im Lebenskampf auf eigenen Füßen stehen. Nie haben die Jungen das Empfinden, Wohltaten zu empfangen, niemals läßt sie das jemand fühlen, und sie nehmen all die Liebe und Sorgfalt, mit der sie umgeben werden, so selbstverständlich entgegen, wie Kinder die Liebe und Sorgfalt aus der Hand ihrer Eltern entgegenzunehmen gewohnt sind, mit dem einzigen Unterschiede, daß es möglich ist, die Hände der Eltern dankbar zu küssen, die Hände derer aber, die hier die verlassenen Waisen schützen, unerreichbar sind — da sie niemand kennt. Sonntag den 15. April begeht dieses Waisenhaus in bescheidener Weise die Feier seines 25jährigen Bestandes. Einige hundert geretteter Menschenseelen, über die ganze Welt verstreut, werden an diesem Tage ihres ehemaligen Heims gedenken, ihres schönen, sonnigen, warmen Heimes. Die Namen derer, welche ihnen dieses Heim geschenkt haben? Namen? Die gibt es nicht.'' T. K. P. Völker, Rassen, Sprachen. Von Felix von Luschan. Welt-Verlag, Berlin 1922. Am 9. Feber d. J. wurde im österreichischen Nationalrat eine Resolution beschlossen, des Inhaltes, die Regierung möge bei Volkszählungen auch für die Feststellung der Rassenzugehörigkeit Sorge tragen. Der Mangel an Ideen für die Behebung von krisenhafter Not schafft Raum für neue Gedanken, die, von der Krise ablenkend, den Haßinstinkten frische Nahrung zuführen. Nicht nur, daß es schon schwer sein wird, einen vernünftigen Zweck der beabsichtigten Neuerung zu erkennen, die Anreger würden gewiß in Verlegenheit kommen, den in die Gesetzgebung einzuführenden Begriff der „Rasse" zu definieren. Es erscheint ihnen aber gewiß auch überflüssig, da es doch klar ist, daß eben der ,,Jud" gemeint ist. Gesetzgeber wie Dr. Jerzabek bedürfen auch keiner Belehrung, wohl aber eine Bevölkerung, für welche die schädliche Wirkung sinnloser Schlagworte keine Entschädigung politischer Art erfährt. Den Zweck, in knapper Form, mit klarem Ausdruck und wissenschaftlich begründet, das Problem des Rassenbegriffs dem allgemeinen Verständnisse näher zu bringen, vermag Luschans Buch vollständig zu erfüllen. Mit der Empfehlung des ausgezeichneten Werkes sei auf einige Bemerkungen, die auf die Juden Bezug haben, besonders hingewiesen. Die von der Gelehrtenwelt allgemein anerkannten Forschungen des berühmten Anthroprologen gipfeln in der Erkenntnis: „Sowenig als es eine indogermanische oder „arische" Rasse gibt, sowenig gibt es eine jüdische; es gibt auch keinen jüdischen Typus, sondern nur einen ganz allgemein orientalischen, an dem genau wie die Juden auch Griechen und Armenier und im geringeren Maße auch viele andere Vorderasiaten beteiligt sind." Tritt zu dieser Verneinung noch die in Luschans Buche behandelte Beziehung zu Sprache und Volkstum hinzu, so kann nur die Überzeugung gefestigt werden, daß sich tatsächlich die Judenheit nicht andern Gemeinschaften vergleichen läßt, und Wesen und Entwicklung eigenen Gesetzen Untertan sind. Wenn Luschan der Ansicht ist: „Persönlich halte ich eine völlige Verschmelzung und ein restloses Ineinanderaufgehen von Christen und Juden nicht für ganz ausgeschlossen'', so scheint er denn doch seine Erfahrungen und Forschungen über Verschmelzung verschiedener Menschenelemente auf eine Gemeinschaft zu beziehen, deren Geschichte und Geistig-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.