Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 18 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 — Fast die Hälfte der angegebenen Bewerbungen sind auf Oktav-Briefbogen geschrieben und einige tragen die merkwürdige Ueberschrift: „Geehrte Herren!" Viele beginnen mit den Worten: Bezugnehmend auf Ihre werte Annonce. Die Annonce ist allerdings 4—6 M. wert, aber nur für den Zeitungsherausgeber. Oder es heisst: „Ihre werte Vakanz ist zu meiner Kenntnis gekommen.'' Die Vakanz ist erst recht nichts wert und kostet der Gemeinde im günstigsten Falle einige hundert Mark. Beide werte Bemerkungen sind deplaciert. Die Herren wollten schreiben: „Bezugnehmend auf die Vakanz in Ihrer werten Gemeinde." Das sind anscheinend Kleinigkeiten, aber sie sind unendlich wichtig und dienen zur Beurteilung des Bildungsgrades des Schreibers. Oft wird von den Vorständen in der Ausschreibung die Einsendung eines curriculum vitae (Lebenslauf) verlangt und die Petenten glauben, dass sie ihren ganzen Lebenslauf ab ovo schildern müssen. Ich habe da gefunden, dass Einige in 6—8 Seiten ihre ganze Vergangenheit erzählt, — ihre Frau und Kinder in allen Eigenschaften und Vorgängen zeichneten und für jeden Stellenwechsel die Gründe aufgezählt haben. Curriculum vitae heisst kurzer Lebenslauf und es genügt vollkommen, wenn man schreibt: „Ich bin im Jahre 18 . . geboren, habe nach Absolvierung der . . . Schule 3 Jahre das Seminar in N. besucht, bin verheiratet und habe .... Kinder im Alter von . . . bis . . . Jahren. Ueber meine bisherigen Stellen wollen Sie sich gefl. aus den beiliegenden Zeugnissen informieren. Ausserdem sind die Herren Rabbiner N. N. auf "Wunsch bereit über mein Vorleben und meine Fähigkeiten Auskunft zu geben." Es kann wirklich den Vorstehern, die doch noch eine Nebenbeschäftigung haben, nicht zugemutet werden 50—60 oft recht uninteressante Biographien zu lesen. Sind sie so langatmig, so werden sie gar nicht beachtet und verfehlen ihren Zweck. Ebenso unnötig ist es 10—15 Namen als Referenzen aufzugeben. Bevor der Bewerber nicht den üblichen Probegottesdienst abgehalten, werden selten Erkundigungen eingezogen, und es dürfte genügen die Bemerkung in dem Schreiben zumachen: „Referenzen gebe ich auf "Wunsch gerne auf." Hat der Probekandidat gefallen, so wird ein gewissenhafter Vorsteher, bevor ein Vertrag abgeschlossen wird, bei einem namhaften Rabbiner und bei dem Vorstand der früheren Gemeinde Erkundigungen einziehen, die dann nominiert werden können. Wird ein Engagement leicht abgeschlossen, so wird er auch ebenso leichtfertig wieder gelöst und nur die Engagements, die erst nach eingehender Prüfung des Kandidaten selbst und dessen Vorleben abgeschlossen werden, sind von Seiten der Gemeinden dauerhaft. (Schluss folgt.) Notizen. * Aus einer Rede Kohlers. Bei der Jubelfeier der Gemeinde Ahawath Chessed in New York,_ über die wir in der „Wochenschrift" ausführlich berichtet, hielt der als Gastredner geladene Rabbiner _ Dr. Kohler eine Rede, aus der wir einige Stellen wiedergeben wollen: „Wie viele Kämpfe und wie viele Ereignisse ruft der heutige Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Euch ins Gedächtnis? Wie viele Meilensteine^ des Sieges und des Fortschritts, bis zur Höhe, auf der ein Dr. Hübsch und ein Dr. Kohut das Banner des erleuchteten Judentums aufgepflanzt haben? Aber auch wie viele wehmütige Erinnerungen steigen in Eurer Seele auf! Das Andenken der wackeren Gründer. der Gemeinde, die Liebe und Wohlthätigkeit auf ihre Fahne geschrieben, das Andenken der unsterblichen Führer und Lehrer, der Meister des Wortes und des Wissens, der Fürsten mit dem Herrscherstabe der Erkenntnis und der Beredsamkeit tritt lebendig vor Euren Geist unter Thränen und Seufzern. Und doch, Ihr fühlt's, gerade diese Feier besiegelt den Bund der Treue, bezeugt das Fortleben des Gottesdienstes . . . Was ist Zweck, Aufgabe und Ziel einer jüdischen Gemeinde? Dieses lässt sich am Besten beleuchten durch das Doppelbild von Jakob's Traumgesicht zu Beth-El und von seiner Kraftleistung beim Brunnen zu Haran. In beiden spiegelt sich Wesen und Zweck der Synagoge. Wie sonderbar, dass nicht der hochsinnige Abraham, noch der milde Isaak, sondern der träumerische Jakob diesen schönsten aller Träume sieht und das erste Gotteshaus baut. Ja, gerade Jakob, mit dem leidenschaftlichen Erwerbssinn empfindet in seiner Verlassenheit den Drang nach dem höheren Himmelsgut um so stärker. Gerade der Jude, der so leidenschaftlich liebt und hasst, hat der Welt den höchsten Gott der Gerechtigkeit und Wahrheit geoffenbart. Und warum? Betrachtet die grossen Meisterwerke der Kunst, die Litteratur und Wissenschaft, die das Volk der Griechen und dessen Nachfolger der Welt gegeben, und Ihr findet das Siegel der Schönheit, klassische Ruhe, Symmetrie, harmonische Vollendung allen aufgedrückt. Dem Juden fehlt das. Auf seinem Gesicht wie auf seinem Denken und Schaffen liegt eine Unruhe, eine Leidenschaftlichkeit, die kräftig, oft erhaben, aber nie schön und massvoll ist. Um so tiefer ist die innere Welt des Juden. So tief in den Himmel hinein, in den Urgrund aller Dinge, hat kein Dichter, kein Denker je geschaut, wie Israel's Seher, Sänger und Lehrmeister. Ja nur der gesegnete Hirtensohn, der auf derJErde kein Plätzchen fand, das Haupt ruhig hinzulegen, sah in stiller Einsamkeit den Himmel offen und Gott als Beschützer hoch oben." Und so entwarf der Prediger ein berückendes Bild von der Aufgabe der Gemeinde und schloss mit den Worten: Es soll diese Feier nur eine Haltestation auf Eurem Wege vorwärts bedeuten und ich rufe Euch zu: „Auf, Du Gottesbrunnen der Lehre, der GemütentWickelung, der Menschenliebe!" Bislang hat jede Gemeinde New York's oder Amerika's nur ihre eigenen Traditionen bewahrt, ihre eigenen Fahnen aufgesteckt, ihre eigene Lebens- und Geistesinteressen in's Auge gefasst, ihre Brünnen ängstlich abgeschlossen, dass andere an ihrem Wasser sich nicht laben. Es ist Zeit, dass die jüdischen Gemeinden wie eine grosse Gottesherde um den einen Sinaiquell sich scharen, dass der mächtige Felsblock, der all die Himmelsgaben, den Gottessegen abschliesst, ein für alle Mal abgewälzt werde, dass es wieder ein Israel gebe, das seinen Beruf, seine Geschichtsmission darin findet, allen Herden, die Anhänger der Moscheen, wie der Kirche, so gut wie die der Synagoge um eine Gottes- und Menschenlehre zu scharen und dafür zu wirken und zu streben." — Vor wenigen Jahren hat Kohler in diesem.Blatte sich gegen das Allerweltsjudentum in unsrer Zeit ausgesprochen! Verantwortlicher Kedakteur: A.Levm, Verlag von Siegtr. Oronbach^beide in .Berlin. Druck von E. Öuttkßs vorm. H. Poit, Tilsit.