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Jeschurun · 1896-12-18 · 18 (18.12.1896) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
18 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jeschnrun. Halbmonatsschrift für Pädagogik, Homiletik und Litteratur. (]Beilage zur Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift.) Sfo. 18. Berlin, 18. Dezember. 1890. I n h a 11: Etwas vom Uebersetzungsuuterrieht. II. Von M. Andorn.— Lehrerkonferenz Pommern. Von E. Meyer. — Meldungen. Von Lion Wolf. — Notizen. Etwas vom Uebersetzungsunterricht. Von M. Andorn. (Fortsetzung statt Schluss.) Aus diesen allgemeinen Bemerkungen über die Geschichte des Gebetes sehen wir, wie sich dasselbe dort in dem biblischen Judentum als etwas Freies, Geschallenes, dem inneren Quell der Begeisterung EntHiessendes herausstellt, hier dagegen, im rabbinisclien Judentum, als etwas Gebotenes, Vorgeschriebenes erscheint, das nach bestimmter Norm und Form verrichtet sein will. Dort ist es freies Er- Zeugnis des Einzelnen und hier vorzugsweise Sache der Gesamtheit, durch deren Vermittelung der Einzelne die heilsamen Wirkungen des Gebetes erwartet. Der Geist der Andacht ist aber aus diesen Gesamtheiten bis auf die neuere Zeit wirklich nicht gewichen, wiewohl man das so oft behauptet hat, — wobei man gewöhnlich von der äusseren — allerdings von keiner ästhetischen Bildung zeugenden Form irregeleitet wurde. Das war ja aber das Charakteristische der Synagoge, dass diejenigen, die sich darin versammelten, die Andacht mit hineinbrachten, und dass es hier der äusseren kirchlichen Anregungs- und Erbauungsmittel gar nicht bedurfte. Ja selbst diejenigen. welche nicht einmal den Wortsinn der gesprochenen Gebetformeln verstanden — und ihre Zahl war zu allen Zeiten sehr beträchtlich! — fanden Trost und Beruhigung, Erbauung und Erhebung im Gebete. Sie waren nicht nur in der Ueberzeugung, dass sie in und mit dem Gebete ein frommes gottgefälliges Werk übten, sondern auch, dass sie den vorgeschriebenen Gebetformeln einen ihrer jedesmaligen Gemütsstimmung entsprechenden Sinn unterlegten, ohne sich um die Richtigkeit des Gebetes auch zu kümmern. Es wird niemand die Möglichkeit und Wirklichkeit einer solchen Andacht in Abrede stellen! Wer wird wohl bezweifeln, dass der fromme Jude, der sein ע״ךן (al chet) recitiert, ein aufrichtiges Sündenbekenntnis ablegte, und wenn er auch kein Wort Hebräisch verstände? Dies ist wohl auch der Grund, warum man gerade in den frömmsten (kirchlichen) Zeiten dem allgemeinen Verständnisse der Gebete nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, da jeder in dem vorgeschriebenen, wenn auch unverstandenen Gebete, Befriedigung fand, in das er jeden beliebigen Gedanken, jedes beliebige Gefühl hineinlegen konnte.) Ganz anders verhält es sich in unseren Tagen. Die Besucher der Synagoge wollen und müssen erst in derselben angeregt, zur Erbauung gestimmt, erhoben und erbaut werden. Die Auffassung des Gebetes als synagogales Gebot, als religiösen Brauch sagt der Zeitbildung nicht mehr zu. Der naive Standpunkt: man möge nur beten, Gott verstehe schon das Gebetete, lässt sich nicht mehr geltend machen. Betrübend ist es dann, von Erwachsenen zu hören: ״Wir verstehen das Gebet nicht;“ dadurch wird der Indifferentismus grossgezogen, die herrlichen Gebete verfehlen ihre Wirkung, der ganze Gottesdienst wird zum leeren Mechanismus und dadurch werden die Bestrebungen gezeitigt, die darauf hinlaufen, das hebräische Gebet überhaupt abzuschaffen. Umsomehr bedarf daher in unserer — religiöse Uebungen und häusliche Andacht nicht beachtenden Zeit — das Gebet seitens der Schule einer sorgfaltigeren Pflege, zunächst zur Hebung der öffentliehen Andacht. Darum soll auch das 'Streben und Wirken der Schule, welche in Beziehung auf den Religionsunterricht als, Vorbereitungsanstalt der Synagoge zu betrachten ist, dahin gerichtet sein, die Schüler auf die entsprechendste Weise vorzubereiten und so der Synagoge würdige Beter zuzuführen. Sie müssen Religionsunterricht in dieser Hinsicht auf eine mit der synagogalen Verfassung möglichst übereinstimmende Weise einrichten und erteilen und jedem Missverständnisse, jedem Zerwürfnisse vorzubeugen und entgegenzukommen streben. Der innere Geist und die gottesdienstlichen Formen und Gebräuche müssen mit Rücksicht auf Alter und Fassungsgabe der Schüler gehörig nachgewiesen werden, damit den Kindern und später Erwachsenen im Gotteshause nichts unverständlich, nichts fremdartig erscheine. Hieraus ergiebt sich nun von selbst, dass die Schuljugend mit dem Sinne und Geiste der hebräischen Gebete bekannt gemacht werden muss. Ungleich wichtiger ist jedoch auch der grosse, erziehliche Wert des Gebetes. Es bilde den integrierenden Teil des Religionsunterrichtes, der dadurch wesentlich unterstützt und gefördert wird. Gerade in der Zahl der alltäglichen Gebete begegnen wir einen wahren Schatz der edelsten und erhabensten Gedanken. Echtes, allgemein gütiges, keinem Wechsel der Zeiten unterworfenes religiöses Empfinden herrscht in denselben. So gehört das gleich an der Spitze der täglichen Gebetordnung stehenden Adon olam — Gott als Schöpfer, Erhalter, und Regierer der Welt besingend — zu den schönsten unserer Gebetsstücke, wie auch das schlichte Lob- und Dankgebet für die Verleihung der Seele. Eines der folgen-

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