Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 14 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 68 — Aus der Praxis für die Praxis. Predigen und „Predigen." Ein junger Lehrer schreibt: ,, . . . Ich gestatte mir, Sie um Ihren freundlichen Rat zu bitten, auf welche Weise ich mir im Predigen einige Fertigkeit aneignen könnte, ev. mir ein Verzeichnis von kurzen, gediegenen, im modernen Geiste gehaltenen Predigtwerken geben zu wollen, aus denen ich üben und es so weit bringen könnte, später eine freie Rede halten zu können. Ich bin in diesem Fache noch gar nicht geübt, würde mir aber alle Mühe geben, um zum Ziele zu gelangen, nur müssen mir die Wege gezeigt werden. Da ich sehe, dass Sie ein warmes Herz für uns Kultusbeamte haben und unsern Stand nach jeder Richtung hin zu heben bestrebt sind, so hoffe ich, dass Sie mir meine Bitte erfüllen werden ..." Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Predigen, gut, brauchbar und selbständig predigen ist eine Kunst und setzt, wie jede andere Kunst, natürliche Anlage voraus, die man nicht erlernen, ja nicht einmal ..erstudieren" kann. Dies zu beweisen ist wohl überflüssig; die Thatsache, dass es akademisch gebildete, hochgelehrte Prediger giebt, die herzlich schlecht reden, und kleinere Kultusbeamte ohne theologische und akademische Vorbildung, die anerkannt gute Redner sind, ist Beweis genug. Erst wenn die natürliche Anlage vorhanden, nützen gedruckte Predigten, nützt die rhetorische Uebung etwas, erst dann kann der Redner an dem Muster guter Predigten sich bilden, kann er es im Laufe der Zeit-zum Predigen bringen. Allein mit dieser Antwort wäre dem Herrn Fragesteller nicht gedient. Er weiss noch gar nicht, ob er zum Kanzelreden beanlagt, er weiss nur, dass seine Gemeinde von ihm Kanzelreden verlange, er möchte sie und sich befriedigen, und müsste er vorläufig auch nur predigen". Dieses ,,Predigen" besteht darin, dass der betroffene „Redner" gute gedruckte Predigten memoriert und sie alsdann wortgetreu hersagt. Nachdem in unsrer Zeit selbst kleine Gemeinden, die von vornherein auf die Vorbildung der Kultusbeamten wenig Gewicht legen, von diesem verlangen, dass er gelegentlich einen religiösen Vortrag in deutscher Sprache halte, hat das „Predigen" überhand genommen. So geartete Vorträge werden, gewissenhaft memoriert und fliessend hergesagt, die Gemeinde befriedig«^, nimmer aber den Vortragenden. Er sieht sich in die Zwangsjacke eines fremden Ideenganges, einer ihm unbekannten Diktion hineingepresst, sieht seine Individualität erdrückt, sein eigenes Denken ertötet. Er ,,predigt" bald so, bald so, erbaulich oder gelehrt, je nach der wissenschaftlichen oder Gemütsanlage dessen, dem er nachspricht. Ein solcher „Prediger" wird nie Predigerwerden, niemals zu einer selbständigen fruchtbaren Arbeit bringen. Wie aber doch? Da der Kultusbeamte nun einmal als Prediger nicht vorgebildet, und die Gemeinde trotzdem religiöse Vorträge verlangt — woher nehmen und nicht — entlehnen? Ein Leidensgenosse des Herrn Einsenders teilte mir neulich Reminiszenzen aus seinem Amtsleben mit, die ich zu Nutz und Frommen des Fragestellers und anderer Beteiligten hier mit seiner Erlaubnis wiedererzähle „Ich war," — so ungefähr sagte er — „mehrere Jahre Lehrer in einer Rabbinatsgemeinde, wurde aber später in eine kleinere Gemeinde als Kultusbeamter versetzt." In dem Engagements-Vertrage war mir auch die Pflicht, an Fest- und sonstigen wichtigen Tagen zu predigen, auferlegt worden. Ich kam am 1. Januar hin. Bis Pessach war jene Pflicht an mich nicht herangetreten. Beim Nahen des Festes fing ich aber an, mich in meinem Kopfe nach Predigtmaterial umzuschauen, und siehe — er w&r leer. Ich stöberte in meinem Bücherschrank herum, und siehe — er war voll. Der volle Schrank musste nun die Leere meines Kopfes füllen, und ich hielt am Pessach zwei vorzügliche Reden — von Michael Sachs. Die Gemeinde war beglückt ob der glänzenden Acquisition, ich aber war in meines Nichts durchbohrendem Gefühle niedergeschlagen. Am Schabuot wiederholte sich dasselbe Schauspiel: dort Entzücken, hier Niedergeschlagenheit. Und diese Niedergeschlagenheit war so intensiv, dass ich beschloss, mein Amt niederzulegen. Das Bewusstsein, das Sprachrohr eines andern zu sein, mich mit fremden Federn zu schmücken, raubte mir das Selbstbewusstsein und die Arbeitsfreudigkeit. Ich reiste zu dem Rabbiner der Gemeinde, in welcher ich vorher amtiert hatte und klagte ihm mein Leid. Er gab mir einen Rat, der mich das Amt behalten und mit Freude weiter verwalten liess: Fremde Reden memorieren und hersagen, sei eines denkenden Menschen unwürdig, fremde Reden benutzen und frei verarbeiten, sei nichts Ungewöhnliches, dazu seien diese Reden gedruckt worden. „Wenn Sie eine Predigt machen wollen, so müssen Sie selbstverständlich vorher andere Reden lesen. Hat Ihnen eine gefallen, so legen Sie alle anderen Bücher bei Seite, lesen diese Rede einmal durch und legen auch sie bei Seite. Am folgenden Tage lesen Sie die Rede aufmerksam zum zweiten Male und legen dann das Buch definitiv bei Seite; es existiere für Sie nicht mehr; dagegen arbeiten Sie im Kopfe das Gelesene mehrere Tage durch, streifen das ab, was Ihrem Wesen und Denken nicht homogen, fügen das hinzu, was Sie zu der Sache noch zu sagen haben. Ist die Rede scharf durchdacht, dann setzen Sie sich hin und bringen zu Papier, was Sie im Kopfe haben, und diese Rede memorieren und halten Sie alsdann. Ist sie auch nicht ganz Ihr geistiges Eigentum, so werden Sie sie als solches ansehen und sich ihrer, wenn sie Ihnen gelingt, freuen. So einige Jahre gearbeitet, haben Sie gelernt, fremde Gedanken verarbeiten und eigene hinzuthun, und bringen es nunmehrleicht zu einer selbständigen Rede, die Sie dann veröffentlichenkönnen, damit Andere, Jüngere sie benutzen/' Ich befolgte diesen Rat und nach einem Jahre machte ich meine Predigten selbständig. Freilich kam mir die Fähigkeit, die midraschische Litteratur verwerten zu können, sehr zustatten. Ich redete später oft vor und nach akademisch gebildeten Rabbinern, ohne vor ihnen und mir erröten zu müssen. — — * * XL Das ist die Antwort, die ich dem Herrn Fragesteller geben kann. Weiss ein Leser eine bessere Antwort, so wolle er sie uns nicht vorenthalten; die Frage ist wichtig und ihre Beantwortung ein Verdienst. Verantwortlicher Hedakteur: A. Levm, Verlag von Siegir. Cronbach, beide in Berlin. — Druck von E. Suttkus vorm. H. Post, Tilsit.