Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 12 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 60 — ziehung durch die Religion in den Hintergrund geschoben, wenn nicht ganz vergessen. Wie oft — erlaubt mir diese Enthüllung — wie oft kommt es nicht vor, dass israelitische Eltern den Lehrern, denen sie ihre Kinder anvertrauen, die Erklärung abgeben, dass sie auf den Unterricht in der Religion nicht viel Gewicht legen? Sie bekennen dadurch offen ihre Verachtung oder doch ihre Gleichgültigkeit, für ihr Bekenntnis, für das Bekenntnis ihrer Väter, für die Religion, ja für Gott selbst. Ist das nicht ein unverzeihlicher Verrat, und wie sollte der Diener der Religion nicht erröten aus Scham über dieses seltsame Vergessen einer heiligen Pflicht? Vergebens, meine Brüder, suche ich nach dem Grunde dieser systematischen Ausschliessung von aller religiösen Belehrung. Sollte etwa das der Grund sein, weil diese im Leben zu nichts nützt, weil sie zu keinem praktischen Erfolge führt? Wahrlich, ein erbärmlicher Grund. Muss denn alles auf der Wage des Interesses gewogen werden, und welchen Interesses? — Misstraut man etwa einem Unterricht, der sich an die geheimsten Tiefen der Seele wendet? Möglich, die Religion, ich weiss es, kann gefälscht werden, wie alle menschlichen Gefühle: Missbräuche aller Art, der Aberglaube mit seinen kindischen Handlungen, die falsche Frömmigkeit, die sich mit Aeusserlichkeiten begnügt, die Scbeinheiligkeit, die sich in eine irreführend«'Maske hüllt, die Unduldsamkeit, die keinen Widerspruch duldet, — ich kenne all dies schlechte Unkraut, das den Garten Gottes entwürdigt. Was täglich vor Augen geschieht, spricht laut genug, so dass man es nicht erst hervorzuheben braucht Allein ist es dies, was man vom Judentume fürchtet, oder von denen, welche die Ehre und die Pflicht haben, dasselbe der Jugend zu lehren? Nein, glaubt es mir, alle, die solch ungerechtes Misstraueu hegen: solche Lehren sind weder in unserem Geiste, noch nach unserem Geschmack, noch m unserer Gewohnheit. Das Licht, das wir verbreiten wollen, gleicht nicht jenen Irrlichtern, welche den Wand rer täuschen, anstatt zu führen. Was ist denn der jnhalt unseres Unterrichts, oder vielmehr der Unterricht des Judentums. Wir sprechen zu euren Kindern von Gott, von seiner Grösse, von seiner Heiligkeit, von seiner Liebe, von dem Gesetz, das er den Menschen vorgezeichnet hat und von dem Lohn, den er mit der gewissenhaften Erfüllung der Pflichf verbunden hat; wir erzählen ihnen von Israel und seiner bald ruhmvollen, bald schmerzensreichen, aber immer lehrreichen Geschichte, von der Sendung, die es um den Preis der grössten Opfer in der Welt erfüllt hat, — glücklich, wenn wir dahin kommen, diesen jungen Herzen die Liebe für unsere bewunderungswürdige Vergangenheit und die Begeisterung für unsere edle Sache einzuflössen; wir sprechen zu ihnen von dem sinaitischen Gesetze, einem Gesetz der Liebe, der Freiheit, der Menschenfreundlichkeit, und wir zeigen ihnen, dass die schönsten Eroberungen der modernen Bildung in diesem Gesetz ihren ersten Ursprung haben; wir sprechen zu ihnen von unsern gottesdienstlichen Uebungen und ohne deren Bedeutung zu übertreiben, erklären wir ihnen, dass diese den Zweck haben, den höchsten Wahrheiten des Glaubens einen sichtbaren Ausdruck zu geben und das Gottesbewusstsein unserem Geiste stets gegenwärtig zu erhalten; wir lehren ihnen Pflicht, Arbeit, Ehre, und wir suchen sie zu überzeugen, dass das Leben nicht ein Schlachtfeld ist, auf dem der Sieg dem Stärksten und Geschicktestens zufällt, sondern_i) Nehem. 8 10 2) Psalm 62,12 Verantwortlicher Kedakteur: A. Levin, Verlag von öiegfr. Cronbach, beide in Berlin. - Druck von £. Suttkus vorm. iL Post, 'Iiis/ dem Würdigsten; wir sprechen zu ihnen von ihren Eltern, und davon, dass sie denselben Ehrfurcht, Zärtlichkeit, Gehorsam und Dankbarkeit schuldig sind; wir sprechen vom Vaterlande und den Ansprüchen, die es an jedes seiner Kinder hat; wir sprechen von der Menschheit und den Pflichten, welche Klein und Gross gegen sie hat. Nun. wo ist die Gefahr? Glaubt ihr, dass, wenn wir so zu euren Kindern sprechen, wir nicht für euer Glück und das Glück eurer Kinder thätig sind? Doch genug hiervon ... es giebt Fehler, die nur gekennzeichnet zu werden brauchen, um nicht mehr begangen zu werden, und ich bete zu Gott, dass er von nun ab ersparen möge denen, welche in besonderer Weise die Verantwortung für die Zukunft des Judentums haben, dass er ihnen ersparen möge den Schmerz, durch unvernünftige Gleichgiltigkeit oder sträfliche Feindseligkeit diese Zukunft in Frage gestellt, gefährdet blossgestellt zu sehen. Ich bete zu ihm, dass er segne diese heiligen Tage, welche die Macht und die Seligkeit der Religion predigen, als irgend eine menschlicheRede es j e vermöchte. Ihr seid hierhergekommen, meine Brüder, verlassend euer Haus, zurückdrängend alle Sorgen, alle Vorurteile des gewöhnlichen Lebens: ihr kamt hierher, voll einer reinen Freude, durchdrungen von vorne herein von tieler Erregung bei dem Gedanken, dass ihr vor eurem Gotte, eurem Vater und Richter erscheinen wollt, um ihm, in der Mitte der Brüder, darzubringen den Dank eurer Frömmigkeit, den Ausdruck eurer Liebe, die Ergüsse eurer Reue und das Versprechen eures Gehorsams. Und jetzt ist euer ganzes Wesen wie umgewandelt unter dem Eindruck des Gebets, und ihr empfindet es. ihr seht es ein, durch den Frieden, der in eure Seelen herabgestiegen, durch den Schwung des Glaubens und Vertrauens, der euch über euch selbst erhebt, dass die Religion Recht hat, wenn sie dem Menschen von einem andern Vaterlande als die Erde, von andern Bestrebungen und Befriedigungen spricht, alsdieder Weltsind. ..dass die Freude in Gott die wahre Freude und die wahre Kraft ist"*.x) Ja, meine Brüder, das sind wohl angebrachte Stunden, die wir in solcher Weise Gott, der Gottesverehrung, dem Gebete, den frommen Betrachtungen widmen! Es ist wahr, sie sind schnell und flüchtig, diese Stunden, und wenn sie vorbei sind, scheint es, dass sich nichts geändert habe in unseren Herzen, in unserer Gesinnung, in unserem Leben. Das ist Schein, das ist Täuschuug! Die Stimme Gottes ertönt nicht vergebens in unserem Busen: „Gott sprach ein Wort und ich habe deren zwei gehört.''2) Das Wort Gottes tönt nach in einem mächtigen Echo. Diese Feste werden längst vorüber sein, wie alles vorüber geht, aber der Widerhall dieser göttlichen Stimmen wird nicht ganz entschwinden. Wer kann wissen, in wie weit es nicht schon gewirkt, nicht schon schwankende und schwache Gemüter gestärkt hat. im Guten unentschlossene Willenskraft? Ob es nicht schon Schmerzen beruhigt, Thränen getrocknet und Trauer getröstet hat? Nehmen wir auf in uns diese himmlischen Stimmen, diese wahren Boten des Friedens und der Liebe, wie sie aufgenommen zu werden verdienen, und wenn wir gebetet und die heiligen Formen des Gottesdienstes beendigt haben werden, wollen wir die Erinnerung daran in einem stillen Winkel unseres Herzens auibewahren, als eine Kraft, als eine Ermutigung, als ein Segen. Amen! — »h r^^^^M ^^^^H -.'s n*tV--ATfc/j5j I^^^^H ^v.Ä^^Äg BHB|^ff°"'