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Jeschurun · 1896-07-15 · 9 (15.7.1896) · p. Seite 48

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
9 (15.7.1896)
Date
1896-07-15
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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- 48 - VII. Bericht der Kommission zur Herbeiführung einer gesicherten Lebensstellung der Lehrer: Baum- Rheine verliest ein von der Kommission ausgearbeitetes und an die Gemeindeverwaltungen versandtes Memorandum, in welchem den Gemeinden Vorschläge behufs Besserstellung ihrer Lehrer gemacht werden. Die Versammlung dankt der Kommission für ihre eifrige Thätigkeit und spricht die Hoffnung aus, dass die Vorschläge seitens der Gemeindevorsteher beherzigt, und die darin enthaltenen Forderungen zum Heile der Schulen, der Gemeinden und der Lehrer bald verwirklicht werden mögen. VIH. In den freien Besprechungen wird beschlossen, in Zukunft den Pfmgstsonntag als Konferenztag auszuschliessen. Nach einem Schlussworte des Rabbiners Herrn Dr. Auerbach spricht der Vorsitzende allen Förderern unsrer Bestrebungen und allen Gönnern unsrer Kasse den herzlichen Dank aus und schliesst die diesjährigen Verhandlungen mit einem Hoch auf Sr. Majestät, unsern erhabenen Kaiser, in welches die Versammlung begeistert einstimmt. Auf frohes "Wiedersehen in Lippstadt! Die Schriftführer Max Kaufmann, Gelsenkirchen. Ostermann, Bochum. Notizen. * Ueber die geschichtliche Entwicklung unseres Gottesdienstes hielt Oberlehrer Dr. Lewy in Mülhausen (Eis.) einen Vortrag, den wir hier im Auszuge wiedergeben. Israelitischer Gottesdienst, so führte Redner aus, will nicht nur innerhalb der vier "Wände des Tempels geübt werden, vielmehr muss das ganze Leben des Israeliten ein Gottesdienst sein in Redlichkeit und Menschenliebe, in der Pflege aller Ideale. Auch die Betrachtung der Natur soll zum Gottesdienst führen, und selbst beim Genuss von Speise und Trank darf der Dank gegen Gott nicht fehlen. Die älteste Entwickelungsstufe des Kultus ist auch bei den Israeliten der Opferdienst. Aber schon der Prophet Jesaja warnt davor, Opfer zu bringen ohne die rechte Gesinnung des Herzens, gleichwie er schon den Irrtum geisselt, als könne man am Versöhnungstage durch das blosse Fasten Sühne finden. Zu den ältesten Gebeten gehören das aus dem Pentateuch stammende „Sch'ma Jisrael" und das Tischgebet. Mit Bezug auf diese Gebete wird im Talmud gelehrt, dass ein des Hebräischen Unkundiger in jeder ihm geläufigen Sprache beten dürfe, weil ja ein Gebet ohne Verständnis sinnlos sei. Für den öffentlichen Gottesdienst wird jedoch auch heutzutage in der Hauptsache die hebräische Sprache b eibehalten werden müssen: aus Pietät gegen die Ursprache der Bibel, wegen der Schwierigkeiten einer Uebersetzung und zur Erhaltung der Einheit im Gottesdienste. Dagegen ist es notwendig. Gebetbücher mit Uebersetzung schon unter die Jugend zu vertreiben, wie solche von Dr. Michael Sachs (auch für den elsässischen Ritus) mustergiltig verfasst worden sind König Salomo betet bei der Einweihung des Tempels zu Jerusalem auch um Erhörung der Nicht-Israeliten. — Im alten Tempel wurden an allen Tagen Psalmen mit Musikbegleitung von Leviten vorgetragen. Gegenwärtig gilt es für Israeliten als verboten, am Sabbat und an Hauptfeiertagen Musik zu machen. Da haben nun viele Gemeinden, die sich auch an diesen Tagen nicht mit Chorgesang begnügen wollen, nicht-israelitische Organisten für den israelitischen Gottesdienst angestellt — ein eigentümlicher und wenig glücklicher Ausweg! Gemeindegesang sollte eingeführt werden, wie z. B. in Baden; manch herrlicher Psalm, auf den jetzt niemand recht achtet, würde durch musikalischen Vortrag zur Geltung kommen. In die Zeit des zweiten Tempels reicht die Entstehung der Hauptgebete zurück, deren Wortlaut allerdings noch bis um 750 flüssig blieb. Aus der Heiligen Schrift wurde zur talmudischen Zeit nicht nur hebräisch vorgelesen, sondern auch in der Landessprache, und zwar in dieser unter Fortlassung etwa bedenklicher Stellen. Eine Reform, welche diesen alten Brauch wieder herstellt, wäre freudig zu begrüssen; dafür dürften gewisse minderwertige Stücke verschwinden, die niemand vermissen würde. Geradezu skandalös ist die laute Verkündigung der Geldspenden bei Gelegenheit der Schriftverlesung, übrigens auch in vielen konservativen Gemeinden bereits abgeschafft. "Wünschenswert erscheinen Gebete in der Landessprache für das Gedeihen neugeborener Kinder, für Knaben am Tage ihrer religiösen Mündigkeit, für Neuvermählte, für Kranke. Von einem grossen Lehrer um 200 stammt ein herrliches Gebet für den Neujahrstag, welches jetzt während des ganzen Jahres den Schluss bildet und daher oft nicht die gebührende Würdigung findet. Das alte Gebet der Leidtragenden hat einen tiefen, schönen Sinn, es wird nur leider bisweilen zu oft und dann gedankenlos wiederholt. Eine Gedächtnisfeier für die Verstorbenen ist überall in Deutschland seit Jahrhunderten üblich, und die französischen Oberrabbiner haben schon vor 50 Jahren die Einführung derselben am Versöhnungstage empfohlen; leider kennt man im Elsass diese erhebende Feier noch heute nicht. — Zum Vorbeter oder Vorsänger soll nach der Vorschrift nur ein wahrhaft frommer, sittlich tadelloser, wohl unterrichteter Mann bestellt werden. Die alten Vorsänger waren auch Dichter, und ihnen verdankt der israelitische Gottesdienst eine Fülle von Einlagen: Festlieder, Bussgedichte und Trauergesänge, Darunter befinden sich wahrhaft schöne, aber auch zweifellos ungeeignete. Es thäte not, mit kundiger und zugleich liebevoller Hand zu sichten, damit durch Streichung der unverständlichen oder wenig erbaulichen Stücke Platz würde für eine bessere Wirkung anderer von unvergänglichem Werte. — Für Schüler und Schülerinnen wird jetzt in vielen Gemeinden Deutschlands an Sabbaten und Feiertagen ein kurzer und dem jugendlichen Verständnis angepasster Nachmittagsgottesdienst abgehalten, der sich bei Kindern und Eltern grosser Beliebtheit erfreut. Auch hierzulande wäre eine solche Einrichtung wenigstens in grösseren Städten wünschenswert; denn wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. Verantwortlicher .Redakteur: A. Levm, Verlag von öiegtr. CJronbach, beide m üerhn. — Druck von E. tiuttkus vorm. H. Post, Tilsit.

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