Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 6 (1.6.1896)
- Date
- 1896-06-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 36 — Und wer weiss, ob der poetische, sicherlich auch der Mystik ergebene Verfasser nicht auch infolge tief empfundenen politischen Druckes — und in solchen Zeitläuften waltet ja gewöhnlich das Sehnen und Schwärmen in Messiasträumen besonders vor — seinen Hörern das Diesseits einst erträglich machen wollte durch Ablenkung vom diesseitigen Elend und Versenkung in das Olam haba, in die "Welt der Erlösung, zu welcher aber der "Weg nur durch das Lehrhaus führt, und welche die erreichen, die lehren und lernen, sowie die, welche — wie die holdseligen Frauen — ihre Kinder zu den Lehrern und zum Lernen hinleiten? Wem das Lehrhaus die höchste Seligkeit auf dieser Welt bedeutet, der kann sich auch in der Ausmalung der Seligkeit im ewigen Leben von der Vorstellung eines solchen nicht trennen. Es giebt eben ein höheres Leben ohne ein solches Lehrhaus nimmer; ja, Gott selbst, der Allweise, übernimmt dortselbst wie das Richterso auch das Lehramt zum Unterricht seiner Seligen! Wenn aber der Verfasser, wie es in der Saadjanischen Religionsphilosophie der Fall ist, mit der Seligkeit der zukünftigen Welt den Messiasglauben innig verknüpft und einen „Perek Maschiach" (Messias- Abschnitt) schreibt, was liegt da näher, als dass er sich des ersten Messias, Davids, erinnert und ihm, dem Messias-Vater, den Platz zuerteilt dem Sitze des Höchsten gegenüber, damit göttlicher Verheissung gemäss „sein Licht wie das der Sonne erstrahle?" Dass er ferner an den von Zacharias als Heilssprosse'' — Abdi „Zemach'' — (bekanntlich ein Käme für den Messias) bezeichneten Zerubabel, an jenen weltlichen Arm der göttlichen Erlösung nach der ersten Tempelzerstörung denkt und ihm in der höheren Welt eine geistige Führerrolle überweist: die eines Dolmetschers des göttlichen Unterrichtes? (Fortsetzung folgt.) Litteratur. * Geschichte der Juden und ihrer Litteratur. (II. Aufl. von Dr. M. Brann.) Der Autor ist ein kundiger Mann und ist nicht wie so manche Verfasser von Schulbüchern oder populären Schriften nur von Sekundärquellen abhängig; der Verfasser hat nicht den Ehrgeiz, alles mit eigenen Worten darzustellen; er huldigt dem nicht unbedingt löblichen aber praktischen Grundsatz, das Gute zu nehmen, wo er es findet; er spricht sich darüber in der Vorrede dahinaus: „Was die grossen Pfadfinder der Wissenschaft und Meister des Wortes unübertrefflich ausgedrückt haben, ist unbedenklich, an einzelnen Stellen selbst wörtlich aufgenommen worden.' Die Darstellung ist glatt. Manchmal führt das Bestreben, genau zu sein, zu sonderbaren Stilblüten. So heisst es S. 173 von den Werken des Josephus: „Seine Werke sind nicht nur ins Lateinische und Hebräische, sondern in mindestens zehn moderne Sprachen übersetzt worden", mindestens zehn, „wohl zehn" oder „viele" wäre ebenso richtig und hübscher gewesen. Der „Quellennachweis" ist für die Schule überflüssig und dient, komischer Weise, häufig nur dem Zwecke, auf die Freunde und Hausgenossen des Verfassers aufmerksam zu machen. Das Buch hat zu den Vorzügen, die es dem Verfasser verdankt, noch zwei sehr wesentliche, die auf den Verleger zurückzuführen sind; es ist gut gedruckt und erstaunlicü billig; das stattliche Werk kostet nur zwei Mark. * „Die zehn Märtyrer" von Anton Eisler, Galgoc. Jeder einigermassen aufmerksame Leser merkt es diesem Buche an, dass es dort geschrieben ist, wo die Sonne den Tokayer glutet. Unsere Feinde reden gewöhnlich von den Juden als einer absoluten Volkseinheit; wer mit Juden verkehrt, unterscheidet sehr genau den norddeutschen, den süddeutschen, den polnischen, den böhmischen, den ungarischen Juden u. s. w.; vollends in der Litteratur sind das ganz ausgeprägte Typen, wobei natürlich zuzugeben ist, dass langjähriger litterarischer Verkehr in anderen Ländern den ursprünglichen Charakter ändert. Die zehn Märtyrer sind die bekannten talmudischen Grössen, die Herr Eisler, indem er Geschichte und Sage gleichsehr verwertet, in glühender Sprache schildert, und wir nehmen an, dass die Darstellung, die dem kühlen Norddeutschen übertrieben klingt, in Galgoc und Umgegend (wir haben übrigens Galgoc in Meyers Konversationslexikon erst mit Hilfe des Stielerschen grossen Atlas entdeckt, es ist Freistadtl) Beifall gewinnen wird. Was uns überhitzt scheint, ist dem heissblütigen Ungar gerade warm genug. Der Verfasser hat offenbar Talent und ist für seinen Gegenstand begeistert. Auch Gedichte sind in dem Buche, die Herr Eisler anderwärts entnommen hat. Auch in diesen Gedichten lesen wir neben vielem Schönen manches, was uns sonderbar anmutet. So heisst es in einem Gedichte, welches an die Biographie R. Akibas sich anlehnt, nach den ersten Zeilen: ^Sabua. sprach's, vor Ingrimm kocht er, doch ruhig duldend stand die Tochter." Die Verse wird nicht Jeder schön finden. Aber es wird für viele kein Martyrium, sondern eine Erhebung sein, Eislers Buch von den zehn Märtyrern zu lesen. * Festpredigten von Dr. Steckelmacher. Mannheim. Dieses prachtvoll ausgestattete Buch enthält die beste Empfehlung in der Ursache seiner Veröffentlichung. Nicht der Autor begehrte die Veröffentlichung, sondern, wie uns Dr. St. in der Einleitung erzählt, die Gemeinde, die die Predigten gehört hat; sie wollte sie als Erbauungsbuch dauernd besitzen. Solch eines Erfolges können sich nicht viele Prediger rühmen und die Mannheimer sind doch, so viel man weiss, nüchterne, praktische Geschäftsleute, die nicht so leicht hingerissen sind. So bringt das Buch den schönsten Geleitbrief mit. Festreden zu patriotischen Anlässen sind der beste Probierstein für die Fähigkeiten des Bedners, Takt und Mass zu bekunden. Darum erwähnen wir die letzte Rede dieses Bandes, eine Kaisersgeburtstagsrede aus dem Jahre 1895, als ein schönes Zeugnis des Freimuts und des guten Taktes; nur die Anspielungen auf die Nachbarreiche hätten wir weggewünscht. Auch wenn sie richtig sind, sind sie ungehörig; denn ich bin fest überzeugt, dass irgend ein allzu eifriger französischer Redner gerade so verächtlich von Deutschland redet. Wenn wir von dieser kleinen Ausstellung absehen, scheint uns die Rede sehr angemessen. Verantwortlicher Redakteur: A. L.evin, Verlag von Siegrr. Cronbach, beide in ßerhn. — Druck von E. Suttkus vorm. H. Post, Tilsit