Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1896-05-01 · 4 (1.5.1896) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
4 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9607695-9607705-9597456--33-9597460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 28 — Lektion versammelten sich die Mitglieder im Sitzungssaale des Gemeindehauses. Den Vorsitz übernahm Herr Landesrabbiner Dr. Freudenthal, welcher die erschienenen Lehrer begrüsste, seinen Kollegen und dem Vorstande der israel. Gemeinde Dessau, die durch Entsendung ihres ersten Vorsitzenden, des Herrn Kommerzienrat Sonnenthal, wie durch die Überlassung des Sitzungszimmers ihr Interesse an der Versammlung bekundet hatte, für ihr'Erscheinen gedankt, sprach den Wunsch aus, dass die Vereinigung fortdauern und dem religiösen Leben zum Segen gereichen möge. Er betonte ferner, dass dieser kleine Zirkel nur den Charakter privater Konferenzen trage und besonders keine Scheidung von dem Lehrerverein für Mitteldeutschland bilden solle; im Gegenteil, er forderte die Beamten auf, sich recht zahlreich den bestehenden Vereinigungen anzuschliessen. In das auf Se. Hoheit den Herzog von Anhalt ausgebrachte Hoch stimmten die Versammelten begeistert ein. — In der nun folgenden Besprechung der Lehrprobe, an der sich namentlich die Herren Dr. Seligkowitz, Dr. Flaschner, Dr. Freudenthal und Herr Blitz beteiligten, traten mehr prinzipielle Auffassungen zu Tage, die der Referent zum Teil widerlegte. "Während von einer Seite mehr die Betonung des historischen Moments bei der Behandlung der biblischen Geschichte gewünscht wurde, stellte man andererseits die sich aus dem Inhalte verschliessenden ethischen Lehren als Hauptforderung auf. Da hierüber wie auch über andere einschlägige Fragen die Ansichten sich gegenüberstanden, übernahm es Böhm-Bernburg, auf der nächsten Versammlung ein Referat über „die Behandlung der biblischen Geschichte" zu halten, wobei besonders auch die Frage erörtert werden soll: ob eine systematische Verknüpfung der Glaubens- und Pflichtenlehren mit dem biblischen Geschichtsunterricht ratsam sei. Hierauf folgte der Vortrag des Herrn Dr. Seligkowitz-Cöthen über „Erziehungswesen in Bibel und Talmud." Nachdem der Herr Referent die Erziehungsprinzipien der Völker des Altertums, namentlich der Griechen und Römer, skizziert, besprach er den Erziehungszweck des israelitischen Volkes, das zu einem freien Volke, zum Träger des göttlichen Willens herangebildet werden musste; deshalb bildet die religiöse Erziehung das einzige Ziel. Im ersten Reiche sei von Elementarschulen nichts zu finden, dagegen hat es höhere Schulen — Prophetenschulen — gegeben, in denen nicht nur Beredsamkeit, sondern jedenfalls auch Naturkunde, Staatsgeschichte und desgl. gelehrt worden sei. Während des zweiten Reiches sei viel mehr für die Volksbildung gethan worden. Die Thätigkeit des Synhedriums, die Bemühungen Josua'sbenGamala und Simons'ben Schetach wurden eingehend gewürdigt und die heilsamen Folgen der zweiten Tempelzerstörung für die Erziehung der Jugend geschildert. — Der von überaus tiefer Sachkenntnis zeugende Vortrag fand in der anschliessenden Diskussion den lebhaften Beifall der Anwesenden. Die Nachmittagsstunden werden durch zwei Referate ausgefüllt 1. Rose-Gröbzig sprach über „das Gebetübersetzen für die Unterstufe." Zweck dieses Unterrichts sei, stets die Kinder so weit zu fördern, dass sie am Gottesdienst mit Verständnis teilnehmen können, denn nur dadurch wirke das Gebet veredelnd auf das Gemüt. Hebräisches Lesen sei erst zu beginnen, wenn die Kinder schon gut deutsch lesen können, demnach in der zweiten Hälfte des zweiten Schuljahres. Nach Erlernung geläufigen Lesens sei mit der Übersetzung zu beginnen. Die Versammlung dankte dem Referenten für die interessanten Ausführungen. Seine Thesen über Methode und Ziele des Gebetübersetzens auf der Unterstufe wurden jedoch in der folgenden Debatte zum Teil modifiziert. Besonders wurde die Wichtigkeit einer inhaltlichen Einführung in das zu übersetzende Gebet des Übersetzens der Worte, nicht der Sätze, des Übersetzens im Chore und der schriftlichen Aufzeichnungen des Übersetzten in der Diskussion festgestellt. Den letzten und wichtigsten Gegenstand bildete der von Herrn Landesrabbiner Dr. Freudenthal vorgelegte „Lehrplan nebst Erläuterungen für die Religionsschulen der israelitischen Kultusgemeinde in Anhalt", ein pädagogisches Meisterstück, das, wenn auch nur zunächst für die Verhältnisse der anhaltischen Landgemeinden ausgearbeitet, entschieden den Beifall der israelitischen Lehrerschaft Deutschlands finden dürfte. Da der Lehrplan bereits die Zustimmung der Landesbehörden erhalten hat, so bildet er fortan die normative Grundlage für den Unterricht in den Gemeinden des Anhalt. Landesrabbinats. Ein Eingehen in die Einzelheiten des Normalplanes würde den Rahmen eines Protokolls überschreiten. Herr Dr. Freudenthal hob hervor, dass derselbe besonders zwei Neuerungen für den Unterricht in den betreffenden Gemeinden enthalte: die Einführung der nachbiblischen Geschichte und des Lesens in der deutschen Bibel, und wünschte, dass die Erörterungen über diese beiden Neuerungen den Gegenstand der künftigen Debatten bilden möchten. Eine frohe Hoffnung nahmen die Lehrer noch mit, es war das ein Versprechen des Herrn Landesrabbiners, die Herzogl. Regierung um Abstellung verschiedener Missstände bez. der sozialen Lage der Beamten in den kleinen Gemeinden anzugehen. Für die Tagesordnung der nächsten Versammlung, die, s. G. w., am 25. April 1897 in Bernburg stattfinden soll, sind folgende Gegenstände festgesetzt: 1. Lehrprobe: „Gebetübersetzen auf der Mittelstufe", Böhm-Bernburg. 2. Dr. Flaschner: „Über die nachbiblische Geschichte". 3. Böhm-Bernburg: „Wie lehre ich biblische Geschichte?" 4. Horwitz-Dessau: „Die Frage im Unterricht." Die Anwesenden dankten zum Schluss Herrn Landesrabbiner Dr. Freudenthal für die Einberufung der Versammlung und deren umsichtige Leitung durch Erheben von den Sitzen und schieden mit dem frohen Wunsche: Auf Wiedersehen! Dessau, den 6. April 1896. _I. A: L. Horwitz. Verantwortlicher Redakteur: A. Levin, Verlag von Siegt'r. Cronbach, beide in Berlin. — Druck von E. Suttkus vorm. H. Post, Tilsit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.