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Jeschurun · 1896-02-01 · 2 (2.1896) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
2 (2.1896)
Date
1896-02-01
Page
Seite 16 (sequence 8)
Language
German
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— 16 — das aus der Bedürftigkeit der körperlich-geistigen Natur des Menschen erwachsene Streben zur Gottheit in Beziehung zu treten; in zweiter Linie diese Beziehungen, die der Mensch unterhält, um jenes Bedürfnis zu befriedigen. Nun ist es klar, dass in diesem Sinne die Religion weder Resultat, noch Objekt des Unterrichts sein kann. Ein Objekt des Unterrichts ist die Religion beim ethnographischen oder kulturhistorischen Unterricht, der aber nur vollständig Reifen erteilt werden darf. Geistig Unreife erlernen aus demselben eine Weisheit, die schon nicht mehr schön ist, nämlich Naseweisheit. — Überhaupt muss es ausgesprochen werden, dass für uns Juden Religion das allergeringste Minimum ist, das uns ganz und gar nicht genügt. Schon in der Volkssprache zeigt sich das: Ein „frommer" Mensch steht uns höher, als der blos „religiöse." Darum hat auch jede Religionsgemeinschaft für ihre Religion einen positiven, historischen Namen. Der Christ glaubt an das Evangelium, der Moslem an den Islam — der Jude an die Thora, d. i. die Lehre. Ohne Kenntnis der hebräischen Sprache können wir aber weder die Thora noch die aus derselben abgeleiteten und durch die Jahrtausende fortgepflanzten Religionsbegriffe recht verstehen- Die hebräische Sprache ist und bleibt unsere heilige Religionssprache. Ich für meinen Teil, obgleich ich Widerspruch vertragen kann, versteige mich zu der Behauptung: das Judentum wird nur solange bestehen können, als die hebräische Sprache besteht. Ohne dieses Organ wird es uns so ergehen, wie dem Maler, dem die Hand fehlt, und dem Tänzer, dem die Beine amputiert sind. Dass die hebr. Sprache die eigentliche Religionssprache sei, hat auch Luther schon ausgesprochen. Nun sagt man: Wir Juden wollen ja aber Deutsche sein, nichts als Deutsche, wie verträgt sich diese Zweisprachigkeit damit? ich antworte: Eben deswegen! Wenn Ihr Juden das Hebräische vernachlässigt, so werdet Ihr niemals Deutsche werden. Denn wollt Ihr religiös und nicht etwa religionslos sein, so werdet Ihr Eure Religionsbegriffe in die deutsche Sprache umstempeln. Da sind aber diese Begriffe nicht heimisch, Ihr werdet also notgedrungen die deutsche Sprache verderben, sobald Ihr, und das wird nicht ausbleiben, anfangt, zu judaisieren. Daher auch die eigentümliche und doch mir ganz erklärliche Erscheinung: Die so ganz und gar deutsch sein wollen, sind schlechte deutsche Stilisten. Sie wollen in deutscher Sprache ausdrücken, was sich eben nicht ausdrücken lässt; hätten sie Hebräisch gelernt, so wäre ihnen alles das nicht passiert. — Diese meine Behauptung mag vielleicht auffallen. Aber wir Juden nehmen auch Anstoss an dem sogenannten christlichgeistlichen Deutsch. Es ist dies auch kein sprachrichtiges Deutsch; aber das christliche Ohr hat sich daran gewöhnt. Wenn z. B. der mehr kostspielige als köstliche Raumer, ohne eine Miene zu verziehen, in seinem umfangreichen Werke sagt: Der Herr will auch die Starken zum Raube, so sage ich mir: Was ist das für ein Deutsch? Und was ist das für ein Hebräisch? Denn bekanntlich hat dieser Ausspruch aus Jesaia 53 V. 12 einen ganz anderen Sinn! Ebenso widerstrebt mir auch der Ausdruck: Prediger in der Wüste. Denn in Jesaia 40 V. 3 heisst es: „Eine Stimme ruft: In der Wüste ebnet den Weg des Herrn", und nicht: „Eine Stimme des Rufers (Predigers) in der Wüste." — Darum mögen wir nicht allzusehr nach der Regierung hinschauen, sondern den religiösen Unterricht so gestalten, wie es unser Bedürfnis, das nur wir allein beurteilen können, erheischt. L. Weinberg-Bode nfelde. Notizen. * Die Londoner Universität. Der schon seit Jahren besprochene Plan, die Universität zu London zu reconstruieren, hat für die Juden dieser Weltstadt ein besonderes Interesse. Bis in die jüngste Zeit war sie fast die einzige englische Universität, an welcher Juden graduieren konnten, und auch heute ist sie es noch für den grössten Teil der englischen Juden. Alle eingeborenen jüdischen Geistlichen Englands zählen zu ihren Alumnen. Sie ist aber nur eine Prüfungsanstalt, und die grösste Stadt der Welt schreit daher laut nach einer Lehranstalt, wie sie schon ganz unbedeutende Städte des Kontinents haben. Das Abhalten von Prüfungen ist aber nicht die einzige Obliegenheit einer Universität, ja sogar nicht einmal ihre Hauptaufgabe. Diese besteht vielmehr darin, den höheren Unterricht zu leiten und anzuregen und den Forschungstrieb anzustacheln. Sie muss Lehrstühle errichten, Bibliotheken, Museen, Laboratorien und Observatorien gründen und vor allen Dingen eine geistige Atmosphäre schaffen, in welcher Lehrende und Lernende stets in inniger Berührung zu einander stehen. Das Institut in Barlington Gardens erfüllt keine dieser Aufgaben. Es hat nicht einmal eine Bibliothek, welche diesen Namen verdient. Andererseits haben aber seine Prüfungen sich wohlverdienter Anerkennung zu rühmen, und der Wert eines Londoner Diploms steht in grossem Kontrast zu dem falschen Gepräge vieler anderer Universitäten. Mehr als dieses sollte aber ursprünglich die Universität, welche aus dem Gymnasium in der Gowerstrasse hervorging, leisten. Das Gymnasium hat als solches nun zwar Vorzügliches geleistet, konnte aber, da ihm der Rang und die Hilfsmittel einer Universität fehlten, den Ansprüchen an eine solche nicht genügen. Diese Hilflosigkeit zeigte sich besonders bei den aussergewöhnlichen Fächern, als hebräische und rabbinische Litteratur, welche auf viele Studierende keine Anziehungskraft üben. Abgesehen von allen anderen konfessionellen Lehranstalten ist es immerhin merkwürdig, dass in der grössten Stadt der Welt kaum die geringste Vorkehrung getroffen ist, das Studium einer Litteratur pflegen zu können, die ihrer Wichtigkeit und hohen Bedeutung wegen immerhin verdient, wenigstens in gleichen Rang mit der griechischen und römischen Litteratur gestellt zu werden. Dass nun für London das unabweisbare Bedürfnis einer lehrenden Universität besteht, wird allgemein eingeräumt; nur über die Form derselben gehen die Meinungen noch auseinander. Unter welcher Gestalt sie aber auch erscheinen möge, die Juden Londons hoffen, dass das Studium der hebräischen und rabbinischen Litteratur eine Pflegestätte in derselben finden möge. I. C. Verantwortlicher Redakteur: A. Levin in Berlin. — Druck von E. Suttkus vorm. H. Post, Tilsit.

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