Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 1 (1927-1928). Bestand LBI
- Issue
- 4 (1.5.1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände „Die Schule der Jugendbewegung ist ein Teil des Hauses der Jugendbünde. Dieses Haus enthält die Heime der Bünde, eine Jugendbibliothek, Vortragssäle, Berufsberatungsstelle, Jugendfürsorge, Spielräume." „Das Ziel der Schule der «Jugendbewegung ist die Uebermittlung des jüdischen Kulturgutes der Vergangenheit und der Gegenwart. Sie will gleichzeitig Vorstellungen vom jüdischen Leben in seinen religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Formen geben. Sie versucht, dieses Ziel zu erreichen in einem Lehrkursus, der für jedes Fach anderthalb bis zwei Jahre dauert." Als Lehrgegenstände sind vorgeschlagen: Bibel, Hebräisch, Statistik, Recht, Gesetz, Geschichte, Lehrinhalt des Judentums. Der Plan, der von Dr. Prinz ausgearbeitet worden ist, soll demnächst in einem, vom Reichsausschuß unabhängigen Kreise der Jugendbünde durchgesprochen werden. BÜCHERSCHAU_ Lindsey und Evans, „Die Revolution der modernen Jugend", Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1927. M. Liepmann, „Amerikanische Gefängnisse und Erziehungsanstalten" (Hamburgische Schriften zur gesamten Strafrechtswissenschaft), J. Bensheimer, Mannheim 1927. Das Buch von Lindsey ist in der letzten Zeit gerade im Zusammenhang mit Tagesereignissen so viel zitiert worden, daß es eines besonderen Hinweises auf diese* Buch kaum mehr bedarf. Wenn an dieser Stelle dennoch ein kurzer Hinweis gegeben wird, so nur deshalb, weil in diesem Buche Jugendfragen von einem Erwachsenen in einer neuen Gesinnung behandelt werden. Die neue Gesinnung ist dadurch erkennbar, daß hier weder eine Idealisierung der Jugend und des Jugendalters vorgenommen wird, noch die Jugend mit Maßstäben gemessen wird, die sich in einer anderen Zeit gebildet haben. Das Buch wirkt dadurch, daß es Tatsachen enthält, und daß aus diesen Tatsachen ein neuer Gesamteindruck der heutigen Jugend entsteht. Darüber hinaus gewährt das Buch einen guten Einblick in das Leben Amerikas und ist daher auch als ein kulturhistorischer Beitrag zu werten. Amerika von einer etwas anderen Seite wird uns in dem Reisebericht des Hamburger Strafrechtslehrers und Reformers des modernen Strafvollzuges Moritz Liepmann gezeigt. Amerika galt bis vor kurzem als das Land, in dem der Strafvollzug und das Erziehungswerk an gefährdeten Jugendlichen in der menschlichsten und vollkommensten Form ausgeführt worden. In der deutschen Literatur über den Strafvollzug spottete man gern über die sanatoriumsartigen Gefängnisse Amerikas, die nach Art moderner Hotels ausgestattet eher ein sicheres Obdach bieten als eine Bestrafung für Verbrechen bedeuten. Der Bericht Liepmanns gibt ein erschütterndes Bild über die tatsächlichen Zustände innerhalb der amerikanischen Gefängnisse. Nur zum kleinsten Teil können die von Liepmann besuchten Anstalten als Musteranstalten ansehen werden. Ein großer Teil ist völlig veraltet und spottet in seiner Anlage und der Behandlung der Gefangenen den primitivsten Forderungen der Menschlichkeit. Der unheilvolle Einfluß des amerikanischen Kapitalismus wirkt sich gerade in dem Gefängniswesen aus. Aemterbesetzung geschieht unabhängig von jeder Vorbildung oftmals nach reinen Parteirücksichten. Gefängnisämter sind Versorgugnen für ausgedehnte Parteifunktionäre. Daneben oftmals das Streben nach dem Rekord. Das größte Gefängnis der Welt, das raffinierteste Ueberwachungssystem, dies Denken in Superlativen ist ein gestaltender Faktor amerikanischer Gefängnisreform. Dabei wird andererseits jede sinnvolle Gefangenenarbeit durch die Furcht der freien Werkstätten und Betriebe größtenteils verhindert. Es gibt dort noch immer als Gefangenenarbeit die Errichtung von Mauern, die nach Fertigstellung wieder eingerissen werden, um dann aufs neue wieder aufgebaut zu werden. Das Disziplinierungssystem in den Anstalten für Jugendliche durch äußeren Drill mit Musik, das einstmals für eine große Errungenschaft gehalten wurde, gilt auch heute noch als ein starkes pädagogisches Aktivum. Zu derartigen Veranstaltungen wird das Publikum gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes zugelassen. Nur vereinzelt und in der Minderzahl erscheinen demgegenüber Anstalten, die wirklich den ausgezeichneten Ruf Amerikas auf dem Gebiete des Gefängniswesens rechtfertigen, unter ihnen auch erfreulicherweise eine Anzahl von Erziehungsanstalten für Jugendliche. Auch dieses Buch ist als ein kulturgeschichtlicher Beitrag Amerikas und als Aeußerung eines warmen Menschen mit einem kritischen sozialen Gewissen für die Behandlung innerhalb der sozial interessierten jüdischen Jugend sehr geeignet. WELTJUGEND—WANDERDIENST_ Wir werden um den Abdruck des nachstehenden Aufrufes gebeten: „Aufruf zur Mitarbeit! Liebe Kameraden! Ihr wollt praktisch für Verständigung und Frieden arbeiten? Dann kommt und helft uns. Wir brauchen die Hilfe eines jeden — aus welchem Lande er auch sei — für eine Sache, die uns wie keine andere geeignet zu sein scheint, um die Jugend der verschiedenen Länder zusammenzuführen. Es genügt nicht, wenn wir in unseren Zeitschriften voneinander lesen oder für ein paar kurze Stunden auf Tagungen zusammenkommen. Wollen wir einen Menschen und seine Eigenart wirklich verstehen, so müssen wir eine Zeitlang mit ihm zusammenleben und auch seine Heimat kennen lernen. Aber welches Mittel gibt es für uns jüngere Menschen, die wir durchweg wirtschaftlich nur schwach gestellt sind, um ohne erhebliche Kosten ein richtiges Bild von anderen Ländern und ihren Menschen zu gewinnen? Wir müssen die Selbsthilfe benutzen. Unser Mittel ist die „Große Fahrt!" Wie in der deutschen Jugendbewegung die „Große Fahrt" junge Menschen aus allen Bevölkerungsschichten vereinigte, sie andere, unbekannte Gaue ihres Heimatlandes und deren Menschen kennen lernen ließ und die gleichgesinnte Jugend aus den verschiedensten Landschaften zusammenführte, so soll auch die Einrichtung der Weltjugend-Wanderungen junge Menschen aus den verschiedensten Bevölkerungsklassen und Nationen in kleinen Wandergemeinschaften vereinigen, sie andere Länder und deren Bewohner erleben lassen und sie auch in engen persönlichen Kontakt mit der gleichgesinnten Jugend des anderen Landes bringen. Ueber den Wert solcher internationaler Wanderungen braucht wohl nichts mehr gesagt zu werden. Jeder, der einmal an einer solchen Wanderung teilgenommen hat, weiß, welch wichtige politische Mission sie erfüllen, indem sie Brücken schlagen von Land zu Land, von Volk zu Volk. Seit 3 Jahren werden bereits solche Wanderungen veranstaltet. Und zwar zuerst von der deutsch-englischen Feriengemeinschaft durch deutsche Landschaft. Die Zahl der Wandergruppen und Teilnehmer stieg von Jahr zu Jahr. 1927 nahmen etwa 300 junge Menschen aus 10 verschiedenen Ländern an den Wanderungen teil. Wir bitten alle, die Lust und Zeit haben, eine Fahrt in die nähere oder weitere Umgebung oder in andere deutsche oder ausländische Landschaft zu unternehmen, sich bei den Vermittlungsstellen des Landes, in der die Wanderung stattfinden soll, zu melden. Dorthin mögen sich auch alle deutschen und ausländischen Freunde wenden, die bereit sind, uns auch späterhin bei der Zusammenstellung der Ferienwanderungen und Studienreisen zu helfen Vorläufig gibt es diese Wanderfahrten nur in verhältnismäßig bescheidenem Ausmaße, aber der große Erfolg, den sie in sich trugen, läßt uns ahnen, welche Bedeutung sie gewinnen können, wenn sie in allen Ländern und in großem Umfang stattfinden würden. Hier ist Neuland für die Jugend, indem sie in ihrem Sinne und ihrem Geiste einen wichtigen Beitrag zur Verständigi ng der Klassen und Völker leisten kann. Auch werden uns die Weltjugend-Ferienwanderungen und Studienreisen eine wesentliche Hilfe in der Verwirklichung des Weltbundes der Jugend sein." Christian Wulff. Druckerei Biko, Berlin SW 19, Kurstr. 34-35