Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1939-04-01 · April 1939 · p. Seite 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
April 1939
Date
1939-04-01
Page
Seite 52 (sequence 52)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492429-9991069-9588267--953-9588319
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Land ganz bewußt überwiegend auf die Erzeugung derjenigen Produkte eingestellt, von denen man sich den höchsten Reinertrag versprach. Hierdurch hat sich Neuseeland einerseits eine angesichts seiner geringen Bevölkerung erstaunliche Stellung als Erzeuger und Exporteur bestimmter Produkte — wie vor allem Butter, Käse, Wolle, Fleisch, Honig und Obst — zu erringen gewußt; andererseits aber ist die ganze neuseeländische Wirtschaft in eine außerordentliche Abhängigkeit von den Absatzmöglichkeiten der genannten Standardprodukte auf dem Weltmarkt, vor allem auf dem britischen Markt, geraten und ist in äußerstem Maße krisenempfindlich geworden. Obwohl sich dies schon während der Weltwirtschaftskrise mit größter Deutlichkeit gezeigt hat, und obgleich die jetzige englische Regierung unverkennbar dazu neigt, die Landwirtschaft des Mutterlandes durch erhebliche Zölle selbst gegen die Einfuhr aus den Dominien zu schützen, kann man schwerlich sagen, daß die neuseeländische Regierung hieraus die notwendigen Konsequenzen gezogen und sich um einen weniger einseitigen Aufbau ihrer eigenen Wirtschaft ernstlich bemüht hätte. Im Gegenteil — die ohnehin aus der geschilderten Abhängigkeit der neuseeländischen Gesamtwirtschaft von den Exportpreisen für bestimmte Produkte drohenden Gefahren werden noch dadurch erhöht, daß sich — besonders in letzter Zeit unter der Herrschaft der Arbeiterregierung — der Staat selbst immer stärker beim Absatz der wichtigsten Produkte eingeschaltet hat, wodurch auch der Staatshaushalt in unmittelbare Abhängigkeit von den Absatzverhältnissen auf dem Weltmarkt gerät. Die eben geschilderten Zusammenhänge, insbesondere die extreme Abhängigkeit der gesamten Wirtschaft Neuseelands von den Exportpreisen für bestimmte Erzeugnisse seiner Landwirtschaft, werden erst recht klar, wenn man sich folgende Einzelheiten vergegenwärtigt: Von den Ausfuhrwaren Neu-Seelands entstammen fast alle der Urproduktion (Landwirtschaft und Bergbau), und 90 o/o hiervon entfallen auf die Viehzucht. Neu-Seeland exportiert etwa 95 o/o seiner Wolle, 93 o/0 seines Hammelfleisches, 94 o/o seines Käses und etwa 80 o/0 seiner Buttererzeugung. Und diese Exporte liefern fast 40 o/0 seines gesamten Nationaleinkommens. Bezeichnend sind folgende absolute Zahlen für das letzte Jahr. Der gesamte neuseeländische Export betrug 1936/37 60.235.000 £ N.Z. Hiervon entfielen auf Molkerei-Erzeugnisse 21.765.000 £ N.Z. oder 36,1 o/0; auf Wolle 15.787.000 £ N.Z. oder 26,2 o/0; auf Gefrierfleisch 13.044.000 £ N.Z. oder 21,7 o/0; ferner auf Häute und Felle 3.465.000 £ N.Z. oder 5,8 o/o; das heißt die Hauptprodukte der neuseeländischen Viehzucht erbrachten fast 90 o/o (89,8%) des Gesamterlöses der neuseeländischen Ausfuhr. — In anderen Jahren pflegte das Verhältnis etwa ebenso zu sein. Da nun der größte Teil dieser landwirtschaftlichen Produkte nach England geht, so befindet sich die Wirtschaft Neu-Seelands in einer außerordentlichen Abhängigkeit vom Mutterlande, und die Regierung trägt dieser Tatsache dadurch Rechnung, daß sie ihre Wirtschaftspolitik ganz darauf abstellt, möglichst viele Produkte der einheimischen Landwirtschaft zu auskömmlichen Preisen in England abzusetzen und dafür dem Mutterlande Industriewaren unter erheblichen Zollvergünstigungen gegenüber allen übrigen Ländern abzunehmen. Selbstverständlich bedeutet aber diese Rücksicht auf den englischen Industrieexport auch eine gewisse Hintansetzung der eigenen Industrialisierung; man führt viele Dinge ein, die man recht gut auch selbst im Land erzeugen könnte. Auf Grund dieser engen weltwirtschaftlichen Verflechtung hat Neu-Seeland je Kopf der Bevölkerung den größten Außenhandel von allen Ländern der Welt. Bei einer Bevölkerung, die 1927 etwa 1,44 Millionen betrug und zur Zeit (1937) etwa 1,56 Millionen zählen dürfte, bewegten sich die neuseeländischen Außenhandelsumsätze auf folgender Höhe: Jahr, endend am 31. 3. Einruhr £ N. Z. Ausfuhr £ N.Z. Ausfuhr- bzw. EinfuhrüberschuB £H.l 1927 48.116.000 45.681.000 — 2.435.000 1928 44.406.000 54.957.000 10.551.000 1929 45.077.000 56.526.000 11.449.000 1930 49.430.000 48.412.000 — 1.018.000 1931 39.833.000 39.527.000 — 306.000 1932 24.760.000 33.943.000 9.183.000 1933 25.060.000 37.510.000 12.450.000 1934 26.135.000 46.043.000 19.908.000 1935 32.568.000 44.918.000 12.350.000 1936 37.440.000 49.676.000 12.236.000 1937 47.621.000 60.235.000 12.614.000 1938 58.100.000 65.000.000 6.900.000 Die vorstehende Uebersicht läßt besonders drei wichtige Züge der neuseeländischen Wirtschaft hervortreten: einmal den gewaltigen Rückgang, den sowohl die Ausfuhr wie die Einfuhr Neu-Seelands während der Weltwirtschaftskrise durchzumachen hatte, und ihren Wiederaufstieg seit 1933. Dann die schon erwähnte außerordentliche Höhe derAußenhandelsumsätze je Kopf; mit einem Export von fast 42 Pfund und einem Import von etwa 37 Pfund pro Kopf steht Neu-Seeland in der Reihe der Länder mit den verhältnismäßig stärksten Außenhandelsumsätzen an erster Stelle. Die Entwicklung des Jahres 1937/38 führte durch stärkeres Steigen der Einfuhr gegenüber der ebenfalls steigenden Ausfuhr zum Rückgang des Ausfuhrüberschusses; die Entwicklung wird allgemein als ungünstig gewertet. Endlich beleuchtet aber die vorstehende Tabelle auch die Stellung Neu-Seelands als Schuldnerland: denn der in der Regel sehr erhebliche aktive Außenhandelssaldo (Ausfuhrüberschuß) Neu-Seelands dient im wesentlichen zur Bestreitung der Zinszahlungen für die große neuseeländische Auslandsschuld, die fast ausschließlich innerhalb des Empire, d. h. im wesentlichen in London, untergebracht ist. Am 31. März 1937 betrug die öffentliche Schuld Neu- Seelands insgesamt 287,7 Millionen £ N. Z. Hiervon aber waren nicht weniger als 156,7 Millionen £ in London untergebracht; ferner besaßen die Australier 0,9 Millionen £ N. Z. der öffentlichen Schuld des Nachbardominions, während in Neu-Seeland selbst nur 130,0 Millionen Pfund der eigenen öffentlichen Schuld untergebracht waren. Demnach waren in London nicht weniger als 54,5 °/o der gesamten öffentlichen Schuld Neu-Seelands placiert. Man kann also sagen, daß ein großer Teil der Exporte Neu-Seelands an das Mutterland dazu dient, die dort angelegten großen englischen Kapitalien zu verzinsen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß zu der schon dargelegten starken Abhängigkeit Neu-Seelands von den wechselnden weltwirtschaftlichen Absatzverhältnissen noch die sehr erhebliche Auslandsverschuldung und nicht zuletzt die außerordentliche Belastung der Produktion durch hohe Löhne, hohe Steuern und soziale Abgaben sowie durch eine weitgehende Sozialgesetzgebung (40-Stunden-Woche usw.) kommt, so ist nicht zu verkennen, daß es trotz des großen natürlichen Reichtums des Landes und der Tüchtigkeit seiner Bevölkerung der neuseeländischen Wirtschaft an Gefahrenmomenten nicht fehlt. 2. Die Landwirtschaft A. Viehzucht Neu-Seeland ist ein im wesentlichen viehwirtschaftliches Gebiet; die Natur des Landes begünstigt besonders die Weidewirtschaft. Weite fruchtbare Ebenen liegen unter einem so milden Klima, daß es fast nie nötig ist, das Vieh in die Ställe zu treiben, was natürlich eine erhebliche Kostenersparnis ermöglicht. Und auf diesen Weiden wächst rasch und dicht ein außerordentlich feines Gras, welches man als die Hauptquelle des neuseeländischen Reichtums bezeichnen kann. Die beiden Hauptzweige der neuseeländischen Viehzucht sind Schafzucht und Milchwirtschaft. Die erstere beschäftigt — obwohl es sich hier um einen ausgesprochen arbeitsextensiven Produktionszweig handelt — 26o/o der gesamten landwirtschaftlichen Bevölkerung; die letztere beschäftigt nicht weniger als 40 o/o. 1937 zählte 52

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.