Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492429-9991069-9588157--890-9588249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Ort ist mit 50 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Entfernung von Montevideo beträgt 500 km; sie wurde mit einem planmäßigen Autobus zurückgelegt. Die Fahrt dauerte etwa neun Stunden. Lediglieh zwei kleinere Städte wurden berührt. Auf den letzten 180 km befindet sich überhaupt kein Ort. Man sieht ab und zu mal am Horizont einige Häuser; — an der Straße selbst liegt etwa auf der Mitte des Weges ein einziges Wirtshaus mit einer Tankstelle. Das Land ist wirklich leer. Die Strecke ist nicht etwa Urwald, denn Urwald gibt es in Uruguay überhaupt nicht, auch nicht Steppe, sondern im wesentlichen Weideland, zuweilen auch Ackerland. Man fährt oft kilometerlang an riesengroßen Weideflächen entlang, auf denen sich übrigens nicht viel Vieh befindet. Man trifft auch oft viele Kilometer lange Mais- oder Weizenfelder. Die Menschen, die dort arbeiten, leben unter den primitivsten Verhältnissen vollkommen bedürfnislos. Die Leute verdienen trotz guter Konjunktur sehr wenig. Natürlich sind die Preise für die Landesprodukte dort (den Löhnen angepaßt) sehr billig, aber Industrieprodukte haben auch dort ihren Preis. Paysandu ist großzügig angelegt, weit ausgedehnt, mit Spiel- und Sportplätzen, eine richtige Landstadt. Ein Teil der 900 km wurde auf vorzüglichen Straßen zurückgelegt, ein anderer auf sehr schlechten Straßen, in ganz kurzer Zeit aber wird die ganze Strecke gut fahrbar sein. Die Stadt selbst hat auch nach deutschen Begriffen absolut hochwertige Hauptstraßen; dagegen sind die Nebenstraßen, vor allen Dingen die, die aufs Land führen, schlecht. Aber auch diese Straßen sollen in Kürze in Ordnung gebracht werden. Verkehrsmittel: Auto, am besten hochgebaute alte Fords, und Pferde. Die Kinder reiten zur Schule, die Frauen in die Stadt. Viehhirten sind selbsverständlich auch beritten. Wer von Landwirtschaft etwas versteht oder von Viehzucht, kann, wenn er bereit ist primitiv und bedürfnislos zu leben, bei größter Sparsamkeit Erfolge haben. Die Menschen dort haben den Vorteil, daß sie ganz frei und unabhängig leben können; kein Mensch redet ihnen irgend etwas drein. Es kommen aber nur junge Menschen in Frage." Wegen der praktischen Ratschläge, die in ihnen enthalten sind, drucken wir hier noch einige ältere Briefe ab. Montevideo, den 6. Juni 1936 „Der Bedarf einer vierköpfigen Familie schwankt je nach den Ansprüchen. Mit ca. 150 Pesos kann man hier schon sehr gut leben; ich glaube, daß die meisten mit kaum der Hälfte auskommen, alles einbegriffen. Um eine Existenz zu gründen, ist Kapital nötig, das je nach Art der Investierung größer oder kleiner sein kann. Da die Banken 5V2 % Zinsen zahlen, ist evtl. das Leben nur von Zinsen das einfachste. Also 20 000 Pesos genügen für einen Privatier, da die Möglichkeit großer Extraausgaben sehr gering ist. Die Staatsbank verzinst mit 5 °/o. Wohnungsmiete richtet sich nach der Gegend. Ich selbst zahle für ein ganz modernes Sieben-Zimmer-Haus monatlich 75 Pesos, Etagenwohnungen im gewohnten Sinn gibt es wenig. Ein Vier- bis Fünf-Zimmer-Haus wird für ca. 50 Pesos gut zu haben sein. Es gibt hier zur höheren Ausbildung Privatschulen (französische, amerikanische, spanische), die monatlich 12 Pesos Schulgeld kosten. Dazu werden die Schüler im eigenen Autobus wegen der etwaigen Entfernung von Hause morgens abgeholt und wieder nach Hause gefahren für 5 Pesos pro Monat. Die öffentliche Schule, die gratis ist, hat den Charakter unserer Mittelschulen. Die Absolvierung berechtigt zum Universitätsstudium, das auch vollkommen gratis ist. Eine große Universität mit allen Fakultäten ist hier. Alle unsere gewohnten Möbel, besonders die kleineren, sind hier gut zu gebrauchen. Wenn Fracht usw. in Deutschland ganz bezahlt wird, dann lohnt es sich auf alle Fälle, weil hier alles relativ teuer ist bei Neuanschaffungen (Möbel, Geschirr, Wäsche) und nicht gut gearbeitet. Am besten ist ein Lift, der viel Fracht erspart. Flügel sind sehr wertvoll, besonders Markeninstrumente." Die praktischen Ratschläge dieses Briefes werden ergänzt durch eine Mitteilung des Einwanderer-Schutzkomitees vom 21. Juli 1936, in der es heißt: „Teppiche und Polstermöbel raten wir mitzubringen. Darüber hinaus machen wir Sie darauf aufmerksam, daß Umzugsgut nur zollfrei ist, wenn mitgeführt. Die Revision wird sehr liberal gehandhabt. Wir raten Ihnen ferner, Nähmaschinen, Radio, Staubsauger usw. mitzubringen, alt oder neu. Falls neu, wollen Sie bitte darauf achten, daß diese Dinge nicht fabrikneu verpackt sind." Eine weitere Ergänzung dieser praktischen Ratschläge aus einem Brief aus Montevideo vom 2. Juli 1936: „Die Stromspannung ist hier 220 Volt Wechselstrom. Es empfiehlt sich, alles an elektrischen Apparaten und Geräten mitzubringen, auch Wärmeöfen, da der für Kraftzwecke übliche Strom nur 3 cent./Kwh. kostet (d.h. etwa 31/2 Pf)" Ueber die gleiche, praktisch nicht unwichtige Frage teilt der folgende Brief aus Montevideo vom 8. Juli 1936, der auch wertvolle Informationen über Kleidung und Lebenshaltung in Uruguay enthält, noch Ergänzendes mit: „Es gibt hier zwei Stromarten, einen für Licht und einen für gewerbliche Zwecke. Der eine kostet 12 Cent., der andere 3 Cent, pro Kilowattstunde. Unter „gewerblich" versteht man z. B. auch Strom zum Bügeln usw. Jedes Haus hat diese zwei Stromarten, und infolgedessen auch zwei Zähler, die das Werk stellt. Die Bekleidung des Herrn ist ähnlich wie bei uns. Im Sommer trägt man leichtere Anzüge, meist ohne Futter, die waschbar sind, d. h. man wäscht hier auch Wollanzüge. Jetzt z. B. trage ich meine richtige Winterkleidung, wollene Wäsche, dicken Mantel und kann sie gut gebrauchen. Wenn Sie einen Pelz mitbringen, ist es kein Fehler, auch Pelze für Damen, wie Silberfüchse usw., werden hier viel getragen. Knickerbocker trägt man überhaupt nicht, lassen Sie die drüben, Sie wirken hier damit komisch." Venezuela Das dünn bevölkerte, mit Naturschätzen reich gesegnete, finanziell gesunde Land ist klimatisch in den höher gelegenen Teilen für Europäer nicht ungeeignet. Es ist bisher von der jüdischen wie von der allgemeinen Einwanderung kaum erfaßt worden, könnte aber Juden aus Deutschland mancherlei Betätigungsmöglichkeiten bieten, meistens sogar in ihren bisherigen Berufen. Doch ist die künftige Haltung der Regierung zur Einwanderungsfrage ungewiß. Die gegenwärtigen Einwanderungsbestimmungen sind verhältnismäßig streng. I. Einwanderungsbedingungen A. Einreisebestimmungen Zur Einwanderung nach Venezuela ist das Visum des venezolanischen Konsuls des Abfahrthafens notwendig. Für Deutschland ist das Generalkonsulat in Hamburg allein visumberechtigt. Zur Erteilung des Visums ist an den venezolanischen Konsul ein Antrag zu stellen. Aus dem in spanischer Sprache abgefaßten Antrag muß folgendes hervorgehen: die Personalien des Antragstellers, sein Beruf und seine bisherige Tätigkeit, seine Geldmittel usw. Vor der Erteilung des Visums fragt der Konsul bei der zuständigen Behörde in Venezuela an, ob das Visum erteilt werden soll. Aussicht auf das Visum besteht nur, wenn der venezolanischen Behörde und dem Konsul der Lebensunterhalt des Antragstellers in Venezuela gesichert erscheint. Berufsfähige selbständige Personen müssen daher neben dem Landungsdepot (s. u.) ausreichende Geldmittel zur Gründung einer Existenz und zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts nachweisen. Arbeitnehmer haben neben dem Landungsdepot einen mit einem angesehenen in Venezuela ansässigen Unternehmen abgeschlossenen Arbeitsvertrag vorzuweisen. 88