Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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Zentrakhile gibt es einen heißen, trockenen Sommer. Die Tagestemperaturen sind sehr hoch, nachts manchmal kalt. Im Winter — Juni bis September — gibt es oft tagelang Regen. Es dürften oft 30 und mehr Regentage sein. Die Temperatur liegt dann etwas über Null, nachts manchmal sogar darunter. Aber auch im Winter wird es an sonnigen Tagen recht warm. Wenn Ihr also hierher kommt, könnt Ihr alle Wintersachen brauchen, auch Pelze. Besondere Sommersachen, wie weiße Anzüge, sind nicht notwendig. Laßt keine Kleider zurück, auch keine gebrauchten und noch so alte, sie leisten Euch hier gute Dienste. Im übrigen, was Eure Einrichtung betrifft, bringt sie vollständig mit, verkauft nichts, es sei denn die schweren Möbelstücke. Wenn Ihr auf dem Schiff auch etwas Ueberfracht bezahlen müßt, es ist immer noch billiger, wie wenn Ihr hier etwas kauft. Zumal Umzugsgut zollfrei hereinkommt, oder nur geringer Zoll bezahlt wird. Vergeßt nichts, vom Küchenmesser und dem ältesten Geschirr angefangen bis zum Rosenthaler Porzellan, vom Spüleimer bis zum Römer, Nähmaschine, Radio, Staubsauger usw., Wäsche, auch die älteste bringt alle mit .. Die meisten jüdischen Emigranten wissen nichts weiter,- als sich hier im Handel zu betätigen, und da dieser hier mehr als überbesetzt ist, sind die Aussichten der hierin Tätigen nicht sehr rosig — wenn nicht gerade einer besonders viel Glück und recht viel Kapital hat. Außerdem wird schon hin und wieder antisemitische Propaganda gemacht, und es ist nicht ausgeschlossen, daß eines Tages strengere Vorschriften für die Kaufleute erlassen werden." Der folgende Brief stammt zwar aus dem Frühjahr 1937; die darin ausgesprochenen sehr wichtigen Hinweise über Berufsaussichten dürften nach unseren Informationen heute noch ihre Richtigkeit haben. Antofagasta (Nordchile), Frühjahr 1937 „Der Lebensstandard eines hiesigen Arbeiters ist nicht im entferntesten vergleichbar selbst mit schlecht gestellten Arbeitern in Deutschland, sowohl was Wohnen und Essen, als auch alle sonstigen Bedürfnisse anbelangt. Es ist fast ausgeschlossen, daß ein Europäer mit den hiesigen Arbeitern konkurrieren kann, weil ihm die Bedürfnislosigkeit der hiesigen abgeht. Und abgesehen vom Materiellen, die Masse der Arbeiterschaft ist hier noch so unentwickelt und steht auf einem so niedrigen Niveau, daß sich kaum ein Europäer in diesem Milieu zurechtfinden wird. Es kommt höchstens für eine Uebergangszeit in Frage, um sich im Lande einzugewöhnen. Ein Vorwärtskommen in den Minenbetrieben dürfte nur dem möglich sein, der eine ganz gute Ausbildung und möglichst Spezialkenntnisse mitbringt. Wenn eine Firma in Chile einen Ausländer anstellt, so tut sie dies einmal, um an verantwortlicher Stelle einen zuverlässigen Menschen zu haben, auf den sie sich unbedingt verlassen kann; sie tut es aber vor allem wegen der gründlichen Ausbildung und der Kenntnisse, die im allgemeinen ein Europäer oder Nordamerikaner mitbringt, gleichgültig in welchem Berufe. Aussichten für den Einwanderer bestehen nicht als lediglich ausführende Angestellte, sondern nur, wenn er selbständig und aus eigener Initiative zu arbeiten versteht, sei es in Fabriken, Laboratorien, Geschälten, Hotels oder anderen Unternehmungen; nur dann wird er das Geld verdienen, das zu einer einigermaßen europäischen Lebensführung erforderlich ist. Unter Beachtung dieser Voraussetzungen werden alle diejenigen gewisse Aussichten hier haben, die auf technischem Gebiet etwas leisten können, seien es Ingenieure, Hüttenleute, Chemiker oder technische Kaufleute und technische Angestellte aller Art. Wer das Glück hat, eine derartige Stellung hier angeboten zu bekommen, sollte sie ohne Zögern annehmen, auch bei niedrigem Anfangsgehalt. . . . Alle anderen Berufe haben kaum Aussichten. Handel und Geschäfte scheinen überbesetzt. Akademische Berufe kommen nicht in Frage. Landwirtschaft gibt es praktisch in Nordchile nicht." Die Lebensverhältnisse in Santiago schildert der Schreiber folgender Zeilen sehr anschaulich. Santiago, den 28. Dezember 1937 „Die Lebensbedingungen als solche weichen nicht sehr von den europäischen ab. Man bevorzugt allerdings während der heißen Jahreszeit mehr die Abendstunden als Geschäftszeit, weil es sich dann abgekühlt hat. Die Arbeitszeit als solche liegt morgens von 9—12 und mittags von 2—7 und Sonnabend von 8.30—13 Uhr. Viele Geschäfte haben am Sonnabend nachmittags überhaupt geschlossen. Der Lebensunterhalt ist ziemlich teuer und kann ein Angestellter mit Peso chileno 800 gerade auskommen. Kleider kann man sich davon!) Siehe dazu aber den an letzter Stelle abgedruckten Brief. (Anm. d, Redaktion.) j2 nicht kaufen. Große Sprünge machen und Geld sparen ist dabei ausgeschlossen. Man muß schon hier sehr arbeiten, wenn man es zu etwas bringen will, und darin ist auf der anderen Seite niemandem eine Schranke gesetzt. Allerdings unter geringster Bezahlung. . . . Augenblicklich ist hier eine große Bautätigkeit. Sehr viel findet man auch die Einfamilienhäuschen mit Garten. Sie sind genau so teuer oder billig wie die Wohnungen, aber angenehmer, weil sie nicht direkt im Zentrum der Stadt liegen. Als Beförderungsmittel dienen hier Straßenbahnen, Autobusse und Taxen. Wer das erste Mal mit einer Straßenbahn fährt, ineint jeden Augenblick, daß ein Unglück geschieht, denn man fährt hier überhaupt in einem wahnsinnigen Tempo. Das ist auch nur möglich, weil es nur Einbahnstraßen gibt. An Unterhaltung fehlt es allerdings ein wenig. Man hat dafür allein hier in Santiago 56 Kinotheater. Ein Theater als solches gibt es nur im Winter und dann nur aus Gastspielen. Unterhaltungslokale, so wie wir sie gewohnt sind, gibt es nicht (Kabarett, Revue usw.). Der Chilene als Mensch ist sehr einfach und liebt mehr die Familienzusammenkünfte in den wenig bemittelten Kreisen. Es gibt hier sehr krasse Unterschiede. Aus diesem Grund gibt es hier eben die feudalsten Klubs, in denen sich die großen Festlichkeiten abspielen. — Fährt man nun weiter nach dem Süden, so kommt man immer mehr in deutsches Klima, und die Bauerngehöfte sind auch nach dem Stil gehalten. Die meisten Bauern sind Deutsche oder Engländer, aber diese seltener." Zum Schluß geben wir noch einen älteren Brief der Auswanderungsorganisation Hicem wieder, der von großem praktischen Interesse ist. „Unser Komitee in Santiago lenkt unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf eine Tatsache, die seine Tätigkeit beim Empfang von Immigranten kompliziert und erschwert. Dies kommt von einem großen Irrtum, den viele Immigranten aus Deutschland begehen, indem sie als Fracht die von ihnen mitgebrachten Sachen angeben. Die Kontrollkommission betrachtet diese Sendungen als „importierte Waren" und verlangt natürlich dafür einen hohen Zoll. Um diesen Uebelstand abzuschaffen, müssen die Immigranten sämtliche mitgebrachten Gegenstände — natürlich in Gruppen, z. B. Küchengeräte, Wäsche, Kleidung usw. — in der ,D e - claracion Consular' aufführen, um auf diese Weise Zollschwierigkeiten zu vermeiden. Wir bitten Sie also dringendst, diese Tatsache den Interessenten zur Kenntnis zu bringen." Schweißen mit Hochdruck Alles zum Schweißen Schneiden Löten Dr. Ernst lYloritz & Co. Inh.: Sigmund Israel Moritz Jupiter-Hochdruck- Schweiß-Apparate BERLIN W30 Schwäbische Str. 11, Tel. 26 55 48