Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 38)
- Language
- German
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1935 heraufgetrieben und dürfte seitdem um 650 000 Tonnen jährlich betragen. Diese Steigerung der brasilianischen Kohlenförderung ist zum großen Teil der staatlichen Initiative zu verdanken, die u. a. die Zollfreiheit für ausländische Kohle aufhob und die Kohlenimporteure zwang, auf je 10 Teile importierte Kohle zwei Teile einheimische Kohle zu kaufen. Die ausbaufähigen Wasserkräfte werden auf 25 Millionen PS geschätzt; davon sind erst 500 000 bis 700 000 ausgenutzt. Hier liegt also noch eine ungeheure Reserve industriell nutzbarer Kraft — aber sehr weit von den Erzlagern entfernt. Im Staate Bahia finden sich nahe der Küste größere Vorkommen von Oelschiefer. Die Schiefer sind mit einem nutzbaren Gehalt von 25 °/o außergewöhnlich reich. Versuche zur Erschließung dieser Kraftquelle, über deren Größe nichts Näheres bekannt ist, sind im Gange. Im Gegensatz zur brasilianischen Kohle sind die Eisenerz lager dieses Landes sehr ergiebig und die Erze selbst von guter Qualität. Von den gesamten Eisenerzvorkommen der Erde sollen sich mehr als 23 o/o in Brasilien befinden. Allein in Minas Geraes — der Name weist schon auf den Erzreichtum hin — schätzt man ihren Bestand auf 2,7 Milliarden Tonnen, im ganzen Lande soll er 13 Milliarden Tonnen betragen. Das Eisenerz ist verhältnismäßig rein und stark eisenhaltig; sein Eisengehalt beträgt durchschnittlich etwa 65—75 v. H. Einige Fundstätten in Minas Geraes weisen sogar einen Gehalt von 91 v. H. auf. Dennoch ist die Ausfuhr nicht bedeutend (1936: 128 000 t), da die Lager zu weit von der Küste entfernt sind. Der Verhüttung der Erze stehen aber große Schwierigkeiten, vor allem der Kohlenmangel, entgegen. Im Verhüttungsprozeß wird vorwiegend Holzkohle, neuerdings auch aus Wasserkraft erzeugte Elektrizität verwandt. Dagegen wurde die Entwicklung der Schwerindustrie durch das Vorkommen eines anderen zur Eisen- und Stahlbereitung unumgänglich notwendigen Rohstoffes, des Manganerzes, sehr begünstigt. Brasilien birgt wohl die reichsten Manganerzlager der Welt. Man findet das brasilianische Manganerz im Staate Minas Geraes und verhüttet es in der Nähe des Hafens Bahia. Andere Lagerstätten befinden sich im Nordstaate Maranhäo, vor allem aber im Innern des Landes, im Gebiete des Staates Matto Grosso. Manganerz wird auch exportiert; die Ausfuhr betrug 1936: 247 000 t. Der größte Teil des Manganexportes ging nach den Vereinigten Staaten. Es gibt in Brasilien 12 große eisen- und stahlerzeugende Werke, deren Produktionskapazität zur Zeit um 130 000 t liegen soll. Ein Ausbau auf 200 000 t in nächster Zeit Und auf 400 000 bis 1940 ist geplant. 1936 wurden 78 000 t Roheisen und 137 000 t Walzwerkserzeugnisse produziert. Diese Betriebe der Schwerindustrie sind, streng genommen, keine „nationalen" Industrien; hierzu fehlen vor allem die kapitalmäßigen Voraussetzungen. Erst das Einströmen fremden, hauptsächlich belgischen, englischen und schwedischen Kapitals hat in und nach dem Weltkriege die Erzeugung von Eisen und Stahl im Lande selbst ermöglicht. Die brasilianischen Gießereien produzieren schon sehr differenzierte Warengruppen, so Oefen, Herde, Treppen, Röhren usw., aber auch größere Gußstücke von mehreren Tonnen Gewicht. Ein Bild der eisenverarbeitenden Industrie vermitteln die folgenden Zahlen der Industriestatistik des Staates Säo Paulo; es wurden 1934 produziert (in Contos de Reis): Emaillierte Eisenwaren im Werte von 15 591 Metallwaren (darunter Eisen) „ „ „ 73 837 Eisenmöbel „ „ »3 315 Nägel, Messer, Scheren usw. „ „ „ 28 558 Neben Kohle, Eisen- und Manganerz werden nur wenige Bodenschätze in größerem Maße ausgebeutet. In verschiedenen Teilen des Landes werden Mineralölvorkommen vermutet; die bisher geförderten Mengen sind jedoch verhältnismäßig gering, so daß ein großer Teil des Petroleumbedarfes auf dem Einfuhrwege gedeckt werden muß; der Wert der Erdöleinfuhr machte im Jahre 1935 fast 7 v. H. der gesamten brasilianischen Einfuhrsumme aus. Die brasilianischen Gold vorkommen sind nicht mehr sehr ergiebig. Die drei Goldminen Brasiliens (im Staate Minas Geraes) bringen nur etwa 10 Gramm Gold auf eine Tonne Gestein zutage. Der Banco do Brasil verfügt über das Ankaufsmonopol der in diesen Minen und durch Goldwäscherei gefundenen Goldschätze; er kaufte 1937 insgesamt 5000 kg Gold (im Werte von 97 000 Contos) auf. An anderen Bodenschätzen, die aber nur zum geringen Teil abgebaut werden, sind u. a. zu nennen: Bauxit, Asbest, Baryterde, Chrom (erst seit kurzer Zeit abgebaut), Kupfer (noch gar nicht ausgewertet), Glimmer, Graphit, Nickel, Platin, Wolfram und Zinn. In Brasilien werden Edelsteine in größter Mannigfaltigkeit gefunden, die vermuten lassen, daß Brasilien zu den an Edelsteinen reichsten Ländern der Welt gehört. Diamanten finden sich vor allem in Diamantina (Minas Geraes) und in gewissen Gebieten von Paranä, Säo Paulo, Bahia, Goyaz und Matto Grosso. Ausgeführt werden vor allem die wegen ihrer Härte für industrielle Zwecke gesuchten schwarzen Diamanten (Carbonados). Der Wert der Diamantenausfuhr betrug 1935 etwa 22 000 Contos. — An anderen Edelsteinen werden gefunden: Smaragde, Granate, Amethyste, Jaspis, Achate, Rubine, Topase, Opale usw. Der Gesamtwert des Edelsteinexports war vor der Weltwirtschaftskrise nicht gering, ist aber dann auf einen kleinen Bruchteil zusammengeschrumpft (3000 £ [Gold] i. J. 1934 gegen 384 000 E i. J. 1928V 3. Fertigwarenindustrie Die Anfänge der Industrialisierung Brasiliens reichen schon in die Vorkriegszeit zurück. Den ersten Anstoß zur Ausdehnung der industriellen Produktion brachte dann die durch den Weltkrieg bedingte Abschließung von den wichtigsten europäischen Märkten. Zum wichtigsten Industriestaat Südamerikas aber wurde Brasilien in den 20er Jahren; dieser Prozeß erreichte seinen Höhepunkt um 1925 und sein Ende etwa 1927, als zahlreiche Unternehmungen — hauptsächlich als Folge von Ueberproduktionsstörungen — zusammenbrachen. Die Weltkrise bewirkte dann einen neuen Aufschwung der brasilianischen Fertigwarenproduktion. — Die Ursachen der Industrialisierung sind mannigfacher Art. Zunächst mußte Brasilien, dessen Ausfuhr sich fast ausschließlich auf das Monokultur-Produkt Kaffee aufbaute, eine Sicherung seines Fertigwarenbedarfs für Zeiten des Ausfuhrrückganges, die stets zu einer Erschwerung der Einfuhr führen, erstreben. Hinzu kam, daß die Schutzzollbestrebungen der Industrie mit den fiskalischen Interessen der Bundesregierung zusammenfielen, deren Einnahmen sich fast ausschließlich auf die Zölle beschränken, während das Steueraufkommen den Regierungen der Einzelstaaten zufließt. Vor allem aber zwang die fortgesetzte Entwertung des Milreis Brasilien dazu, sich von der Einfuhr gewisser in Goldwert zu bezahlender und daher immer teurer werdender ausländischer Fertigwaren zu befreien. Schließlich ist die Industrialisierung im weiteren Sinne auch als eine Abwehrmaßnahme sowohl gegenüber den Reagrarisierungstendenzen europäischer Länder, welche den brasilianischen Agrarexport schwer treffen, als auch gegenüber der Ausdehnung des Kaffeeanbaus anderer kaffeerzeugender Länder aufzufassen; denn die brasilianische Landwirtschaft ist nicht mehr in der Lage, die steigende Bevölkerungszahl zu ernähren. Dieser müssen neue Arbeitsplätze eröffnet werden, und solche bietet eben die Industrialisierung, für die die rohstoffmäßigen Voraussetzungen bei einer Reihe von Industriezweigen, z. B. für Baumwolltextilien und Schuhwaren, in Brasilien recht günstig sind. Zuletzt, aber nicht am wenigsten, treibt der wirtschaftliche Nationalismus hier wie überall zur möglichst weitgehenden Unabhängigkeit von ausländischen Erzeugnissen, wenigstens soweit sie lebenswichtiger Art sind. Die brasilianische Industrie wurde von Seiten der Bundesregierung in jeder Weise gefördert; man stellte ihr bereitwilligst Kredite zur Verfügung und machte reichlich vom Mittel des Schutzzolles Gebrauch. Die Zollmauern verfehlten allerdings häufig ihren Zweck, „erziehend" zu wirken, da die heimischen Produkte von schlechterer Qualität als die vorher eingeführten ausländischen blieben. Man zwang sogar zeitweilig die Importeure, die Zölle in Goldmilreis zu zahlen, was auf manche Einfuhrzweige vollends prohibitiv wirkte. Dieser vielseitige Protektionismus führte einzelne Industriezweige an die Grenze 3ü