Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Paraguay-System gehörige Flußläufe verkehrswirtschaftlich belebt wurde. Siedlungen sind im ganzen Tiefland spärlich, die hohen Tropentemperaturen erschweren Europäern die Niederlassung. Die wenigen Ortschaften gehen auf Jesuitengründungen zurück Die im Tiefland lebenden wilden Indianerstämme führen ein Nomadendasein. Einer der wichtigsten Gründe der mangelhaften wirtschaftlichen Entwicklung Boliviens ist das Fehlen einer Meeresküste. Der Kampf mit Paraguay um den Chaco ist im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß Bolivien hier über den Paraguaystrom Anschluß an den Atlantischen Ozean gewinnen wollte. Da dies mißlang, sind mit Argentinien und Brasilien Verträge abgeschlossen worden, die die Eisenbahnverbindungen Boliviens zum Atlantischen Ozean verbessern sollen; ferner hat Paraguay einen Freihafen am Paraguaystrom zur Verfügung gestellt. Die notwendigen Anschlußbahnen zu den Grenzen müssen jedoch noch von Bolivien gebaut werden. Zur Pazifischen Küste hat Bolivien über Chile (Arica, Antofagasta) und Peru (Mollendo) verhältnismäßig günstige Zugänge. Boliviens Eisenbahnverhältnisse liegen im Vergleich zu anderen südamerikanischen Staaten nicht ungünstig. 2. Klima und Gesundheitsverhältnisse Klimatisch lassen sich in Bolivien drei Zonen unterscheiden: das eigentliche Hochland, das mittlere Hochland und das Tiefland. Das Hochland über 3000 m ist sehr regnerisch und hat Jahresdurchschnittstemperaturen von etwa 3—9° C, das mittlere Hochland weist Temperaturen zwischen 10 und 18° C auf, das Tiefland endlich trägt rein tropischen Charakter mit 24—27° C Durchschnittstemperatur. Die durchschnittliche Jahrestemperatur der wirtschaftlichen Landeshauptstadt La P a z, die 3690 m hoch liegt, beträgt 9° C. Kältester Monat ist der Juni (7° C), wärmster der November (11,5° C). Das Klima ist also verhältnismäßig kühl, doch muß gegen die in dieser Höhe sehr intensive Sonnenstrahlung Vorkehrung getroffen werden. Die Luft ist hier schon recht dünn, und der Einwanderer wird einige Anpassungsschwierigkeiten zu überwinden haben. Die durchschnittliche Jahrestemperatur von Cochabamba, der zweitgrößten Stadt des Landes, die 2550 m hoch liegt, beträgt 17,3° C. Kältester Monat ist der Juni (14° C), wärmster Monat ist der November (20° C). Cochabambas Klima ist mild und gesund. Die Niederlassung in den außerordentlichen Höhenlagen ist nur wirklich gesunden Naturen, vor allem nur Herzkräftigen, zu empfehlen. Das Tiefland, insbesondere der Chaco-Distrikt, ist für Europäer nicht zu empfehlen. Hier grassieren auch die typischen Tropenkrankheiten, wie beispielsweise Malaria. 3. Bevölkerung Die Zahl der Gesamtbevölkerung wurde 1935 auf 3 226 296 berechnet, darin etwa 7500 Ausländer. Die Zusammensetzung der Bevölkerung gestaltet sich schätzungsweise folgendermaßen: reine Weiße 13,1 v. H. reine Indianer 52,3 v. H. Mischlinge (sogenannte Cholos) 27,5 v. H. sonstige 7,1 v. H. 100 v. H. 80 v. H. der Bevölkerung leben in Höhen über 3300 m. Die Bevölkerungsdichte ist außerordentlich gering, wobei zu bedenken ist, daß sich die Bevölkerung zudem noch auf wenige landwirtschaftliche Flecken bzw. auf die Umgebung der Städte konzentriert. Die indianischen Eingeborenen leben bedürfnislos auf niedrigster Kulturstufe, beherrscht von der dünnen Oberschicht der in neuerer Zeit eingewanderten Europäer und der Nachkommen der Konquistadoren und der indianischen Inkas. 4. Regierung Die Verfassung von 1880 legt die Exekutive in die Hände eines auf vier Jahre gewählten Präsidenten und eines Vizepräsidenten. Der Präsident ernennt die sieben Minister des Kabinetts. Die Legislative obliegt dem Kongreß, der sich aus einer Abgeordnetenkammer (Wahlen alle vier Jahre) und einem Senat zusammensetzt. Wahlberechtigt sind alle männlichen Bürger über 21 Jahre, die lesen und schreiben können und über ein regelmäßiges Einkommen verfügen. Religions-, Rede-, Erziehungs- und Pressefreiheit sind durch die Verfassung zugesichert. Die innenpolitisohe Entwicklung der letzten Jahre verlief recht unruhig. Etwa ein Jahr nach der Beendigung des Chaco- Krieges übernahm im Mai 1936 Oberst Tero, auf das Heer gestützt, die Regierung. Ihm folgte im Juli 1937 Oberstleutnant German Busch-Becerra, der im Mai 1938 regelmäßiger Präsident geworden ist. Die Militärregierung will die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes nachdrücklich fördern, und auch der neue Präsident hat das 1936 verkündete soziale und wirtschaftliche Programm aufgenommen. (Ueber den Chaco-Konflikt: siehe Paraguay.) m. Die Wirtschaft 1. Währung Währungseinheit ist der Boliviano (1 Boliviano 100 Centavos). Münzen im Werte von 10 Bs. werden „Bolivar" genannt. Der Kurs des Boliviano beträgt zur Zeit 9 Rpf (Goldparität laut Gesetz von 1928: 1 Boliviano 1,53 RM). Die Grundzüge der Devisenbewirtschaftung (die in der letzten Zeit wieder verschärft worden ist) sind in kurzem Umriß folgende: die Exporteure müssen einen Teil des Exporterlöses zu amtlich festgesetzten Kursen abliefern; der Rest muß zum Freihandelskurs an die Banken verkauft werden, bei denen der Devisenhandel zentralisiert worden ist (Banco Central, Banco Mercantil und Banco Nacional). Nur diese Banken geben Devisen ab. Die Einfuhr lebensnotwendiger Waren wird bei der Zuteilung von Devisen bevorzugt; vorherige Einfuhrgenehmigung ist nicht nötig. Der Warenverkehr mit Deutschland wird mit Ausnahme einiger bestimmter Waren fast ganz über Aski- Konto verrechnet. Die Aski-Mark ist um etwa 20 v. H. billiger als die „freie" Mark. 2. Landwirtschaft Die Ackerbau-Wirtschaft Boliviens beschränkt sich auf das Gebiet der östlichen Andentäler und Cordillerenabhänge und ist noch wenig entwickelt, was zum Teil auf den mangelhaften Ausbau des Verkehrsnetzes zurückzuführen ist. Die Produktion mancher Nahrungsmittel, wie z. B. Reis und Zucker, deckt noch nicht einmal den heimischen Bedarf. Auch Mais (Erzeugung 1932: 660 000 t), Kartoffeln (510 000 t) und Gerste (98 000 t), die wichtigsten ackerbaulichen Erzeugnisse, reichen nur für den Inlandsbedarf aus. Ferner werden Kaffee, Kakao, Tabak, Baumwolle u. a. angebaut und zum Teil auch ausgeführt. Das wichtigste ackerbauliche Erzeugnis ist die Koka, eine Pflanze, aus deren Blätter das Kokain gewonnen wird. Der Wert der Ausfuhr von Kokablättern betrug 1931 1 Million Bolivianos. Boliviens Viehzucht ist von größerer Bedeutung als seine Ackerwirtschaft. Der Rindviehbestand wurde 1931 auf 2 064 300 Stück geschätzt, die Anzahl der Schafe auf 5 232 000, die der Lamas und Alpackas auf 1883 000, die der Ziegen auf 987 000 und die der Pferde und Schweine auf etwa je 395 000. Wolle von Schaf, Lama und Alpacka wird ausgeführt, ferner auch Häute und Felle der Haustiere und der wild lebenden Vicuna und Chinchilla. Die großen Waldbestände Boliviens enthalten einige sehr wertvolle Edelhölzer, werden aber infolge der schlechten Verkehrsverbindungen noch nicht ausgenutzt. In primitiven Verfahren werden Kautschuk und Chinarinde (zur Gewinnung von Chinin) gewonnen. Im Jahre 1936 wurden rund 800 t Chinarinde ausgeführt. Die Kautschukausfuhr spielte zur Zeit der Kautschukhausse eine gewisse Rolle. Damals stand Bolivien unter den südamerikanischen Ausfuhrländern an zweiter Stelle. Heute ist seine Kautschukausfuhr von geringer Bedeutung. 3. Bergbau und Industrie Bolivien ist sehr reich an mineralischen Bodenschätzen, und seine wirtschaftliche Bedeutung liegt ganz und gar im Bergbau. In den Anden werden Zinn, Gold, Silber, Kupier, 22